Von Ulla Fölsing

Unkonventionelle Bücher darf man auch unkonventionell lesen, indem man beispielsweise mittendrin mit der Lektüre beginnt. Das jedenfalls empfiehlt sich bei Richard Feynmans „Neuen Abenteuern eines neugierigen Physikers“ mit dem schnodderigen Titel „Kümmert Sie, was andere Leute denken?“. Auf Seite 109 fängt Teil zwei des Buches und damit das Abenteuer an, das dieses letzte Werk des amerikanischen Physik-Nobelpreisträgers so lesens- und empfehlenswert macht: Feynman geht nach Washington, um die Challenger-Katastrophe zu untersuchen.

Im Januar 1986 explodierte kurz nach dem Start die Raumfähre Challenger. Sieben Personen kamen dabei ums Leben, darunter eine junge amerikanische Lehrerin. Das Unglück war ein gewaltiger Schlag für die amerikanische Raumfahrtbehörde Nasa. Feynman wurde zu seinem eigenen Erstaunen in die Präsidenten-Kommission berufen, die unter dem ehemaligen Außenminister William Rogers die Ursachen des Unglücks untersuchen sollte.

Er hatte bis dahin um Washington und die Regierung einen großen Bogen und kein Hehl daraus gemacht, daß er von der Raumfahrt nicht viel hielt. „In der Presse war dauernd vom Start und der Rückkehr von Shuttles die Rede, in den wissenschaftlichen Zeitschriften dagegen – und das beunruhigte mich etwas – nie von irgendwelchen Ergebnissen dieser angeblich so wichtigen Experimente zu lesen.“

Es dauerte nicht lange, bis sich der Querdenker Feynman zum Enfant terrible der Rogers-Kommission entwickelte. Hemdsärmelig und ohne falsche Scheu vor der Raumfahrtbehörde machte er sich an die Arbeit. Statt sich wie die übrigen Kommissionsmitglieder auf die gemeinsame Befragung vorgeladener Experten zu beschränken, ging er zu den wichtigen Leuten hin und fragte sie aus. Von Wahrscheinlichkeitsrechnungen und ihren Sicherheitsstudien ließ er sich nicht bluffen und trunken machen wie die meisten Politiker bis hin zur Regierungsspitze. Feynman kam dabei ohne Zweifel seine Reputation als Nobelpreisträger zugute.

Bei seinen Recherchen stieß er auf ein erstaunliches Maß an Chaos und schlimmen Fehleinschätzungen. Die Crux scheint dabei vor allem der vorgegebene Zeitplan des Starts der Weltraumfähre gewesen zu sein. Feynman sieht darin ein generelles Problem solch spektakulärer Großprojekte. Die Sicherheitskriterien würden oft mit logischen Scheinargumenten „geschickt abgeändert, um die Flüge trotzdem rechtzeitig genehmigen zu können. Hinter dieser Haltung steckt wohl der Versuch, die Regierung von der Perfektion und dem Erfolg der Nasa zu überzeugen, um sich weiterhin die Zuteilung von Geldmitteln zu sichern.“

Die eigentlich Schuldigen waren im Falle der Challenger-Katastrophe – wie so oft – nicht die Ingenieure, sondern die Manager. Feynman jedenfalls hatte immer wieder das Gefühl, daß das Management die Sicherheitskriterien herunterschraubte, während die Ingenieure von unten „Hilfe“ und „Höchste Alarmstufe“ riefen.