Brasilien

Von Carl D. Goerdeler

Ich weiß nicht mehr, wie häufig wir im Schlamm steckenblieben, wie oft die Männer versuchten, das Fahrzeug freizubekommen, und wie lange wir in dieser stockfinsteren Amazonasnacht über die Piste schlitterten. Es war wohl schon nach Mitternacht, als der Bus endgültig haltmachte, um das Ende des Wolkenbruchs und den Morgen abzuwarten. Hinter dem Regenschleier waren einige Funzeln auszumachen. „Eldorado“, grummelte einer der stoppelbärtigen Mitreisenden, zeigte nach draußen in Richtung der Lichter, und wir wateten durch den Lehm und die Pfützen an den Pistenrand. Zuerst sah ich nur den Alten im Schein eines Windlichts. Er hockte wie eine Statue auf einem Schemel, und unter seinem weißen Bart schien sein Körper mit einer goldenen Rüstung bedeckt; dabei war es nur der rötliche Schlamm der Piste, der im Kerzenlicht so kostbar schimmerte.

Der Busfahrer und die anderen Männer hatten schon die erste Flasche mit Cachaça, dem landesüblichen Zuckerrohrschnaps, geköpft. Hinter der Theke hantierten ein beleibter Neger und ein zahnloses Mädchen: Lidia. Aus dem Verschlag neben dem Tresen krabbelten die Kinder hervor und rieben sich die Augen vor dem grellen Licht der Gaslampe. Hysterisch kläfften die Köter in die verregnete Nacht, und erst als sie sich ein wenig beruhigten, konnte man das Gemurmel und Geklapper aus den anderen Hütten vernehmen. Neugierig krochen die Gestalten aus ihren Baracken und Erdlöchern, um zu sehen, was es mit dem gestrandeten Bus auf sich hatte.

Das also war Eldorado. So, sagten die Leute, hieße der Ort.

„El Dorado“. Goldland, Glücksland, Schlaraffenland. Der alchimistische Traum vom Stein der Weisen, der Goldmacherei und die Suche nach dem irdischen Paradies hatten das späte Mittelalter verhext und die Menschen bis zur Massenhysterie getrieben. Cagliostro und Doktor Faustus, Rabbi Löb und Professor Orfyreus – auf den krummen Gassen der Städte tummelten sich die Scharlatane und Schwarzkünstler, die Geisterseher und Gesundbeter, die Scharen der Flagellanten und die Horden der Landsknechte. Wein, Weib und Gesang beherrschten das Leben in den Gemächern der Könige, und zu Hofe harrte man der Kauffahrteischiffe aus Indien. Sie waren schwer beladen mit Seidenstoffen, Edelsteinen, Pfeffer und Zucker – aber nicht mit Gold. Christoph Columbus meldete dem Escorial die Entdeckung von „Westindien“. „Wo ist das Gold?“ war seine allererste Frage an die federgeschmückten Eingeborenen.