Von Thomas Schmid

Gelassen und fast ein wenig beschwingt, tritt ein Mann von 64 Jahren im Juni 1909 eine Eisenbahnreise an, die ihn vom estnischen Pernau (heute: Pärnu), seinem Erholungsort, nach Petersburg bringen soll, wo seine Frau sowie wichtige Beratungen im Außenministerium auf ihn warten. Der Geheime Rat Professor Emeritus Friedrich Fromhold Martens, ein weltgewandter Aufsteiger, blickt auf ein überaus erfolgreiches Leben zurück, das er während der Zugfahrt Revue passieren läßt: die Karriere, die Ehe, die Liebschaften, eine rätselhafte Seelenverwandtschaft mit einem fast ein Jahrhundert vor ihm geborenen Namensvetter. Beflügelt von der Schönheit der Landschaften, die am Zugfenster vorbeiziehen, ergeht er sich in Erinnerungen voll heiteren Wohlgefallens, das sich jedoch zunehmend eintrübt und düsteren Zweifeln, ja schließlich einer ziellosen Todesangst Platz macht.

So ließe sich zusammenfassen, was in Jaan Kross’ Roman "Professor Martens’ Abreise" geschieht. Thema des Buches ist indes (wie schon in Kross’ Roman "Der Verrückte des Zaren") die Aufrichtigkeit, die Wahrhaftigkeit. Genauer: ihr stetes Fehlen und die Gründe, die ihr in schwierigen Zeiten im Wege stehen – Opportunismus, Mitläuferei auf hohem Niveau, der Wunsch dazuzugehören.

Martens sieht sich als Insel der Zivilisation im Meer der zaristischen Autokratie. Aus ärmsten Verhältnissen stammend, hat er sich mit schlafwandlerischer Sicherheit emporgearbeitet. Die Erfolge sind ihm, der international anerkannten Koryphäe auf dem Gebiet des Völkerrechts, fast zugeflogen; souverän hat er zahlreiche Friedensverhandlungen moderiert, hat es verstanden, den ungeschlachten Wünschen des Zaren eine zivile Form zu geben und noch in aussichtslosester Lage für Rußland Erfolge auszuhandeln. Er ist ein Mann zwischen den Zeiten: Das hohle und brutale Regime, dem er ergeben dient, ist ihm zuwider, und die Revolutionäre des Jahres 1905 hält er für törichte und naive Neuerer.

Gerne möchte er an den allmählichen Fortschritt im Umgang der Völker und Staaten miteinander glauben, hat diesen Glauben sogar in eine Theorie gefaßt – weiß aber auch, daß er nur der Ausputzer, der "Konflikthosenflicker" des Regimes ist, dessen Funktionäre dem loyal-distanzierten Bürger doch stets mißtrauen werden. Er ist ein überzeugter Internationalist (was es ihm leichtmacht, der estnisch-nationalen Erweckungsbewegung in mitleidiger Verachtung fernzubleiben), stellt seine Fertigkeiten aber in den Dienst eines Staates, der nichts weniger will als das zivilisierte Nebeneinander aufgeklärter europäischer Nationen.

Martens, ehrenwertes Mitglied der ehrenwerten zaristischen Gesellschaft, ist ein Künstler der Ironie und der lächelnd-wissenden Distanz zu allem und jedem, zu den pompösen Chargen des Regimes ebenso wie zu denen, die sich auf das Abenteuer der Gesellschaftsverbesserung eingelassen haben. Seine elegante Äquidistanz zu beiden weiß er bestens zu begründen und zu rechtfertigen – und dennoch ahnt er, daß er, der Erfolgreiche, der einen milden Lebensabend vor sich wähnt, um einen zu geringen Einsatz gespielt, daß er vielleicht gar sein Leben verspielt hat.

Mit dem Florett seiner ebenso gelehrten wie bauernschlauen Rhetorik und dem ätzenden Gift seines gebildeten Relativismus geht er gegen die Zweifel vor, die ihn auf der Fahrt durch das Land seiner Jugend anspringen: Er kämpft sie nieder, bewahrt die Contenance, siegt ein ums andere Mal, weiß auf schlaue Art, die Verhältnisse gegen die allzu überschwenglichen Ideen ins Feld zu führen – und ist am Ende seines kunstvollen Lebens vermutlich doch verloren. Nicht weil er getan hat, was er getan hat, sondern weil er eine luftige, kaum ins Gewicht fallende Kleinigkeit unterlassen, vergessen, übersehen hat: die Aufrichtigkeit. Professor Martens, der Virtuose der Relativierung, ist sich im Arrangement seiner Spiegel selbst abhanden gekommen.