Landau/Pfalz

Die Mitschüler sind begeistert, sie finden ihn „nett“, „vertrauenswürdig“, „engagiert“ und „kontaktfreudig“. „Er versteht sich sogar mit den Kleinen aus der fünften Klasse.“ Die Lehrer loben ihn: „Toller Sportler“, „guter Schüler“. Der Schulleiter spricht von einem „Glücksfall“. Der Glücksfall stammt aus Haiti, ist ein Neger, ein Schwarzer, ein Farbiger, je nachdem, wie die Leute draußen sagen. Für die 9a der Konrad-Adenauer-Realschule ist er längst einer der Ihren: „Unser Jonas“ und „unser Schulspre-

Jonas heißt mit Nachnamen Wittmer. Der Vater ist Pastor der „freien Christengemeinde“. Die Mutter Erzieherin und halbtags in einem dörflichen Kindergarten beschäftigt. Der fünfzehnjährige Jonas hat noch drei weiße Geschwister: Katharina, dreizehn Jahre, Lisa, neun, und David, fünf. Stefanie Wittmer: „Mein Mann und ich arbeiteten zwei Jahre in einem haitianischen Kinderdorf.“ Dort bauten sie Häuser, lernten haitianische Helfer an und betreuten die Waisenkinder. Eines war Jonas, der nach dem Tode seiner Eltern mit sieben Jahren im Dorf aufgenommen worden war.

Die Wittmers fanden Gefallen an dem aufgeweckten und lebhaften Jonas. „Er ist uns ins Herz gefallen“, bekennt die Adoptivmutter. Nach langem Abwägen entschied das Ehepaar, den kleinen Jungen mit- und an Sohnes Statt anzunehmen. Jonas’ stärkste Erinnerung an Haiti: „Daß es nicht regelmäßig zu essen gab.“ Aus Haiti kam er in die dritte Klasse einer pfälzischen Grundschule. „Da hab’ ich blöd geguckt und nichts verstanden.“ Auch sonst fühlte er sich anfangs allein im Unterricht, „meine Freunde hatte ich außerhalb der Schule“. Heute spricht er fast akzentfrei Deutsch. Einstimmig wählten ihn die 21 Klassenvertreter vor einem Jahr zu ihrem Schulsprecher. Der Direktor war nicht wenig überrascht von der Wahl des dunkelhäutigen Jonas. Heute ist er froh: „Jonas bewirkt durch sein Beispiel mehr als fünf Lehrer zusammen“, was das Thema Deutsche und Ausländer angehe. „Die Schüler haben sich nicht für Jonas entschieden, weil er ein ‚Exot‘ ist, sondern Fähigkeiten besitzt, die von einem Schülersprecher verlangt werden.“ Auch Anna Kienzier, Lehrerin für bildende Kunst und Deutsch, jahrelang selbst Ausländerin in der Türkei und in Chile, schätzt bei Jonas „die starke Persönlichkeit hinter der Hautfarbe“. „Sie ist es, welche die Mädchen und Jungen beeindruckt.“ Der Ausländerfeindlichkeit könne man nur teilweise mit Reden und Kopfarbeit begegnen, glaubt die Pädagogin, entscheidender sei der alltägliche Kontakt mit Ausländern, „gemeinsam lachen und weinen“.

Deutschland ist seine Heimat geworden und die Realschule sein Lern- und Aktionsfeld. Zur Zeit plant Jonas in der Schülermitverantwortung (SMW) eine Tanzfete, mit den anderen Schülervertretern hat er eine Projektwoche durchgesetzt. Hie und da findet er die Mitschüler lahm, zuwenig aktiv, wenn es um ihre Interessen gehe. Vielleicht muß man in Haiti gelebt und gedarbt haben, um so zu sprechen. Ab und an schreibt er noch Briefe an seine Geschwister – in deutsch, das dann dort übersetzt wird, denn seine Muttersprache Kreolisch versteht und spricht er kaum noch, dafür um so mehr Pfälzisch. Paul Schwarz