Im Columbus-Jahr 1992 jährt sich auch das Ende des letzten islamischen Staates in Andalusien zum fünfhundertsten Mal. Noch im Spanien Francos galt das arabisch-islamische Kulturerbe offiziell als ein Fremdkörper, als etwas mit dem wahren Wesen alles „Spanischen“ Unvereinbares, das die kontinuierliche Entwicklung des katholischen Spanien lediglich in einigen Landesteilen zeitweilig unterbrochen habe. Längst hat sich die spanische Orientalistik von dieser ideologischen Fessel befreit. In einem opulenten Bildband belegen zwei Madrider Arabisten den tiefgreifenden Einfluß der islamischen Zivilisation von al-Andalus nicht nur auf die Kultur der Iberischen Halbinsel, sondern auf die europäische Kultur insgesamt: Beiträge zur Landwirtschaft und Eßkultur – zum Beispiel Reis und Zucker –, Geographie und Astronomie, die arabischen Zahlen und das Rechnen mit der Null, die kommentierten Werke des Aristoteles, die Laute und das Schachspiel, die Fayence und den Teppich, das Bad und das Caféhaus verdankt Europa den Muslimen.

Aber sie haben nicht nur gegeben, sondern auch empfangen: Die Mosaiken der Moschee von Córdoba stammen von einem byzantinischen Meister und seinen muslimischen Schülern, die Kapitelle der Kalifenpaläste, ja sogar noch die der Alhambra können ihre Herkunft vom klassisch-antiken Kompositkapitell nicht verleugnen. Die Iberische Halbinsel steht in diesem Band naturgemäß im Vordergrund, aber auch Sizilien und Unteritalien, wo der islamische Einfluß weniger lange wirken konnte, und der Balkan rücken ins Bild. Wie eng die islamische Mittelmeerkultur seit über tausend Jahren mit Europa verflochten ist, zeigt das prächtige Buch auf jeder Seite.

Leider beruht die deutsche Fassung des Textes nicht auf dem spanischen Original, sondern ist eine Übersetzung der englischen Übersetzung, und so etwas kann unmöglich gutgehen. Da erscheinen Eigennamen in krausen Mischformen; die Kirche der Hl. Fides (Sainte-Foi) im südfranzösischen Conques etwa wird zu Santa Fe, hinter Bodino verbirgt sich der Staatsrechtslehrer Jean Bodin, und der britische Gelehrte Adelard von Bath verschmilzt mit dem unglücklichen Franzosen Abaelard zu einer Person. Mehrfach fühlt man sich bei der Lektüre an das Kinderspiel „Stille Post“ erinnert, bei dem ein Wort oder Satz von mehreren Mitspielern geflüstert weitergegeben wird – es ist verblüffend, was am Ende herauskommt. So verwandelt sich etwa das „Fächer“-Ornament spanischer Bucheinbände über das englische fort in ein „Liebhaber“-Motiv – hier wendet sich der Fan mit Grausen. Aber nur, um sich gleich wieder fasziniert den Bildern zuzuwenden. Ein Buch zum Schauen, zum Sehen. Heinz Halm

  • Pedro Martínez Montávez/Carmen Ruíz Bravo-Villasante: Europa unter dem Halbmond. Eine illustrierte Kulturgeschichte; Südwest-Verlag, München 1992; 240 S., zahlr. Abb., 148,– DM