Von Angela Praesent

Ihm sei mit Mitte Dreißig bewußt geworden, „daß ich an einer Kindheit vorbeigeglitten war, die ich ignoriert und nicht begriffen hatte“, erklärt der kanadische Autor Michael Ondaatje. Da macht man sich seufzend auf Lesepein und Arbeit an fremder Trauer gefaßt – gewiß will da noch eine Gruselfamilie besichtigt, noch ein Traumatisierter bedauert werden.

Aber siehe da, Ondaatje inszeniert die Rückreise zu seinen familiären Quellen als opulentes Fest für sich und seine Leser. Auch so kann man also Verschüttetes auf- und durcharbeiten: indem man die Kindheitsbilder frisch koloriert, die Familiengespenster zum Tanz einlädt. Jedenfalls wenn man wie Ondaatje auf Ceylon, dem „Ring am Ohr Indiens“, geboren wurde. Dort nämlich scheint es, neben den starren Kolonialbriten, eine beneidenswert phantasievolle, multikulturelle Oberschicht gegeben zu haben, in der jeder Skandal verziehen wurde, so er nur satte Geschichten lieferte. „Liebesaffären wölbten sich über Hochzeiten wie Regenbögen und hielten ewig – so daß es häufig so schien, als sei die Ehe der größere Treubruch. Von den zwanziger Jahren bis zum Krieg brauchte niemand wirklich erwachsen zu werden.“

Dieser prallen Gesellschaft diente der holländisch-tamilisch-singhalesische Ondaatje-Clan aufs Unterhaltsamste, denn er bestand aus regenbogenfarbenen Schafen – an prominenter Stelle Tante Lalla, die zwanghaft Blumen stahl (wogegen sich verwandte Gartenbesitzer wehrten, indem sie Kakteen zu züchten begannen), und Vater Mervyn, der Gin-trunken Züge anzuhalten pflegte und gegen eierstehlende Kobras vorging, indem er unverdauliche Pingpongbälle ausstreute: „In einer Abhandlung, die er über Hühnerzucht schrieb, finden sich mehrere Absätze über die Methode der Schlangenbekämpfung.“ Man hatte durchaus wissenschaftlichen Ehrgeiz auf Ceylon.

Es wäre ein leichtes für Ondaatje gewesen, diesen Vater als einen gefährlich Manisch-Depressiven zu beschreiben; die Mutter als kühne Heldin, weil sie Hotelmanagerin wurde und mit den Kindern entschlossen nach England zog, sobald die Regenbogenfarben allzu bedrohlich oszillierten; dann hätte der zum Kanadier abgekühlte Autor glaubhaft dagestanden als aus dem Tropenparadies vertriebenes Scheidungsopfer.

Doch Michael Ondaatje ist aus purer Lust und Neugier nach Sri Lanka zurückgereist, hat Halbgeschwister und alte Freunde ausgefragt, um neben Anekdotenschätzen die Quellen der eigenen Fabulierkraft zu sichern: „Wenn irgend etwas ihre Generation lebendig hielt, so war es diese Art der Überlieferung mittels Übertreibung.“ Glücklicherweise liegt das Erzählverfahren des klärenden Vergrößerns „in der Familie“ und hat alle Wanderungen überlebt, wie man leicht an Ondaatjes Schilderung des Gouverneurspalastes in Jaffna – nun Dienstwohnung eines Onkels – erkennt: „Die Türen sind sechs Meter hoch, als warteten sie auf den Tag, an dem eine Akrobatenfamilie von Raum zu Raum gehen wird, seitwärts, ohne daß der eine von des andern Schulter steigen muß.“ Wer da nicht lebhaft eine Pyramide von Ondaatjes wandeln sieht, sollte lebenslänglich zum Lesen von Statistik-Lehrbüchern verurteilt werden.

Michael Ondaatje gesteht, sein Bruder habe ihn ermahnt, dieses Buch über das Ceylon der Familie „richtig“ zu schreiben, denn „du kannst es nur einmal schreiben“. Doch „richtig“ ist ein Kriterium kühler Zonen, während in heißen Zauberländern wie Sri Lanka selbst disziplinierte Köpfe und Körper nach Art von Wunderkerzen funktionieren. „Einer der besten Lügner, die wir haben“, ist dort ein hohes Lob.