Von Fritz J. Raddatz

Er war SA-Mann und Kommunist; er war ein schlechter Dichter und ein hervorragender Lyrik-Interpret; er war preisgekrönter Repräsentant sozialistischer Kulturpolitik und ihr emphatischer Opponent; er liebte die DDR, die er haßte: Franz Fühmann, dessen Leben und Werk Muster sind für Irrtum und Integrität marxistisch inspirierter Lebensläufe.

Seine Kindheit und Jugend hat der 1922 im Sudetenland geborene Kleinbürgersohn eindringlich in dem offen autobiographischen Text "Das Judenauto" geschildert wie in zahlreichen bekenntnishaften Gesprächen oder Umfrageantworten, in denen er seine Schulzeit als "gute Erziehung zu Auschwitz" charakterisiert und sich der typischen Abiturarbeit erinnert: "Zu meiner Mathematikprüfung hatte die Berechnung einer Geschoßbahn gehört." Es gab und gibt wenige seiner Generationsgefährten, die so rücksichtslos die Verführung zum eigenen Versagen offengelegt haben: "Ich gehöre einer Generation an, die über Auschwitz zum Sozialismus gekommen ist. Jahrgang 1922; rüde nationalistisch-faschistische Lebenssphäre (Sudetenland, Vater Begründer der Ortsgruppe der NSDAP in meinem Heimatdorf); Kindheit im ‚Deutschen Turnverein‘ (HJ); ‚Wir wollen heim ins Reich’; nach der Okkupation SA; ‚Führer befiehl, wir folgen!‘. Angst, zum Kriegseinsatz zu spät zu kommen; freiwillige Meldung, nach dem Abitur 1941 RAD, Wehrmacht, Osten, Süden, Lazarett, Kapitulation, 5 Jahre Kriegsgefangenschaft."

Zu Recht gilt "Das Judenauto" als Klassiker – ein Bericht, der nicht schont die Verführer (und sei’s der eigene Vater) noch die Verführten. Unvergeßlich die Szene, die der Erzählung den Titel gab: Ein gelbes Auto mit schwarzbärtigen, messerwetzenden, Mädchenblut saufenden Juden fahre durch die Dörfer, war das Gerücht. Der vom Gift der Lüge zerfressene Schüler Franz weiß, daß er selber lügt, als er seine panisch-heldenhafte Flucht vor diesem Auto flunkernd-angeberisch den Mitschülern vorprotzt; die peinliche Berichtigung einer Mitschülerin, sie habe ihn weglaufen sehen vor dem dunkelbraunen Auto ihres Onkels, treibt ihn nicht in die Wachheit, sondern in sich selbst belügenden Trotz: "Ich stürzte aus der Klasse hinaus und rannte aufs Klosett und schloß hinter mir zu; Tränen schossen mir aus den Augen, ich stand eine Weile betäubt im beizenden Chlorgeruch und hatte keinen Gedanken und starrte die schwarzgeteerte, stinkende Wand an und plötzlich wußte ich: Sie waren dran schuld! Sie waren dran schuld, sie, nur sie: Sie hatten alles Schlechte gemacht, was es auf der Welt gibt. [...] Sie waren schuld an allem; sie, kein andrer, nur sie! [...] Ich schlug die Fäuste vor die Augen und stand im schwarzgeteerten, chlordünstenden Knabenklosett und schrie ihren Namen: ‚Juden!‘ schrie ich und wieder: ,Juden!‘ und wie das nur klang: Juden, Juden!’, und ich stand heulend in der Klosettzelle und schrie Juden Juden Juden Juden, und dann erbrach ich mich. Juden. Sie waren schuld. Juden. Ich würgte und ballte die Fäuste. Juden. Juden Juden Juden Juden. Sie waren dran schuld. Ich haßte sie."

Das wird die Arbeiten des späteren Schriftstellers Franz Fühmann prägen: die Methode des Mikroskopierens, unter der sich ein verfilztes Gespinst aus Unwahrheit, Fanatismus, Wegsehen und Mitmachen zum Nährboden von Verbrechen entdeckt. Das war das Material, aus dem man Scheiterhaufen machte, sie ausgebend als lohende Flamme von Verheißung und Befreiung aus nationaler Schmach; diese Sudetendeutschen hörten nicht nur willig deutschnationale Parolen – sie waren eine einzige lebende Parole faschistischer Rachsucht.

Daß dieser junge Mann begeistert als Freiwilliger zu Hitlers Fahne eilte, als der Krieg losbrach, nimmt nicht wunder. Das werden seltsame Jahre an der Ostfront, buchstäblich Hölderlin, Trakl, E. T. A. Hoffmann im Tornister. Das Ergebnis ist ziemlich ekelhaft: Gehorsam, Wegsehen und Lyrik. Fühmann beginnt in Heinrich Ellermanns Zeitschrift Das Gedicht – Blätter für die Dichtung Gedichte zu publizieren, "abseits der literarischen Rollbahn", wie er es nennt, sein Vorbild Weinheber auf peinigende Weise nachempfindend. Fühmann selber hat Jahrzehnte später seine frühe Produktion – sogar "Das Judenauto" – niedriggehängt und sie als "zwischen Selbstironie und affirmativer Pathetik" wechselnd bezeichnet.

Eigenartigerweise war es Stephan Hermlin, der die Versuche des jungen Soldaten gnädig bedachte: "Sie ließen antikisierende Klänge vernehmen, die den Nazis ins Konzept paßten, die aber auch, man darf es nicht übersehen, das Refugium der Besseren waren. Fühmann hatte sich nicht heroisch gegeben in diesen Gedichten, Abwehr und dunkle, leise Angst sprach aus ihnen, hier war nicht von Jüngerschen Stahlgewittern die Rede, sondern von einer Traklschen Menschheit, vor Feuerschlünden aufgestellt. Was dann kam, hat Fühmann später in dem bedeutenden Gedicht ‚Die Fahrt nach Stalingrad‘ darzustellen versucht."