Von Gregor Dotzauer

Er ist mehr als bloß ein intellektueller Entertainer. Robert M. Pirsig verstand es schon immer, komplexe Gedanken spannend, witzig und verständlich an den Mann zu bringen. Doch über diese Fähigkeit hinaus hatte er auch etwas zu sagen, und das lag jenseits eines gewissermaßen höheren Bedürfnisse nach Unterhaltung. Wenn der amerikanische Autor dennoch in der Mitte der siebziger Jahre manchen Orientierungslosen spirituell verdrehte, lag das weniger an ihm als am Gebrauch, den man von seinem ersten Roman machte. "Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten" rangierte da gleich neben Carlos Castanedas Don-Juan-Romanen, neben Hermann Hesses "Siddharta" und "Narziß und Goldmund" oder Tolkiens "Herr der Ringe".

Natürlich ist Pirsig ein Populärphilosoph. Beim Wiederlesen verblüfft weniger die Größe seines analytischen Talents als die Tatsache, daß man hier jemandem Schritt für Schritt beim Denken zusehen kann. Aus nächster Nähe erlebt man die geistigen Kämpfe, deren Spuren in anderen Werken längst verwischt sind. Man begibt sich mit dem Autor in philosophische Sackgassen und Einbahnstraßen, man sieht ausweglosen Dilemmata ins Gesicht und lernt, ihnen wieder zu entkommen. Wieviel Fragwürdiges in "Zen" auch enthalten sein mag, Pirsig stellt einen Großteil des Instrumentariums bereit, mit dem man den einen oder anderen Kurzschluß selbst korrigieren kann.

Schon deshalb sollte man den Roman aus der New-Age-Ecke holen und zu philosphischen Einführungstexten stellen, etwa neben Thomas Nagels Reclambändchen "Was bedeutet das alles?" oder Wilhelm Weischedels Porträtsammlung "Die philosophische Hintertreppe". Und hat es je eine schärfere Warnung vor den teils quasikirchlichen Praktiken der akademischen Philosphie gegeben? "Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten" war nicht zuletzt deswegen so gut, weil Pirsig seine Möglichkeiten voll ausgeschöpft hat, das spürt man in jeder Zeile. Auf dem denkerischen Weg hat er mindestens einmal den Verstand verloren – und zurückgewonnen.

"Was ist Qualität?" lautete damals die Hauptfrage, und um sie zu beantworten, mußte Pirsig die abendländische Subjekt-Objekt-Philosophie im. Geist des Taoismus überwinden. Lao-Tse und sein "Tao-Te-King" waren die Kronzeugen bei der Versöhnung von präintellektueller und intellektueller Wirklichkeit, von romantischer und klassischer Weltanschauung, Hip und Square. Qualität sagte Pirsig, bilde den Urgrund aller Dinge. Deswegen könne man sie weder aus der geistiger noch aus der materiellen Welt ableiten, sie bleibe undefinierbar.

Pirsig erzählte das alles in der Form eines autobiographischen Reiseromans mit essayistischen Passagen. Der Held, Phaidros genannt in Anlehnung an einen platonischen Dialog, fuhr mit seinem Sohn Chris auf dem Motorrad quer durch Amerika, und auch dies war die Geschichte einer Versöhnung. Dazu überzeugte Pirsig den Leser vom Unsinn einer abstrakten Technikfeindschaft. Man erfuhr in seinem Buch alles über Reparaturen, und wer danach nicht ein neues Verhältnis zu seinem Auto oder Fahrrad hatte, dem war nicht zu helfen.

Robert M. Pirsig, 1928 in Minneapolis geboren, schien ein typischer one book author zu sein – bis jetzt. Nach siebzehn Jahren führt "Lila oder Ein Versuch über Moral" die Gedanken des Erstlings fort und erweitert sie zu dem, was sie eigentlich schon immer waren: zu einer Metaphysik. Doch zunächst versucht der Roman das Chaos der westlichen Zivilisation zu erklären, die wachsende Gewalt und die rasante Zerstörung vertrauter moralischer Strukturen. Das ist im Grunde ein spannendes Unternehmen, zumal Pirsig weiß, daß konservative Muster weder zur Diagnose taugen noch zur Therapie.