Morgen, ja morgen werden wir unser Leben ändern! Wir werden uns unsere Träume erfüllen, und unsere Sehnsucht wird endlich wahr – sagen die einen. Gestern, ja gestern: Das waren noch schöne Zeiten! Da waren wir noch glücklich, wir waren verliebt und voller Pläne, voller Hoffnung und Leidenschaft – sagen die anderen. Sehnsucht, wohin man schaut. Die Jungen schwärmen von einer rosaroten Zukunft, die Alten verklären die Vergangenheit. Und jeder hat ein passendes Liedchen auf den Lippen.

Andres zum Beispiel, der postpubertäre Sohn der Tankstellenbesitzerin Maria und des Liederfabrikanten Dynamo, singt von seiner Liebe zu Una. Aber ach, dieses synthetische Sternchen am Schlagerhimmel ist für ihn unerreichbar. Als er sie dann doch noch erobert, zerplatzt sein Traum: Una, die Einzigartige, hat Falten und eine fahle Haut, ist eine alternde Frau, die frustriert ist vom Showbusineß und enttäuscht von den Männern. Sie will neue, ehrliche Lieder singen und die verlogene Schlager-Traum-Produktion nicht länger mitmachen. Dynamo, der Liederfabrikant, läßt sie kurz und bündig fallen und schnappt sich Katja, die er in ein enges Kleid preßt, damit der Busen richtig wallt und die Hüften richtig wackeln, und baut sie mit den alten Liedern zum neuen Sternchen auf.

Peter Michael Hamel nennt sein neuestes Werk eine Songoper, aber dieser Begriff ist unscharf. Zwar gibt es in „Radio Sehnsucht“ Songs, deren Texte gut verständlich sind und deren Melodik sich mehr aus dem Sprachduktus als aus den Affekten heraus entwickelt. Aber mit Provokation und Aufmüpfigkeit im Brecht/Weillschen Sinn hat das nicht zu tun. Das Stichwort „Oper“ lenkt in eine falsche Richtung, denn der Inhalt wird weder musikalisch noch dramaturgisch mit Gewicht präsentiert. Auch die Anforderungen an die (in der Ulmer Uraufführung ohnehin durch Mikrophone verstärkten) Sänger sind nicht allzu hoch.

Hamel spielt mit der Sehnsucht, die sich selbst stranguliert, denn jeder Traum verliert seinen Reiz, wenn er in Erfüllung geht; auch mit den Verführungen der Schlagerindustrie, die mit ihren verlogenen Liedern Wünsche suggeriert und Sehnsüchte produziert und die graue Wirklichkeit verdrängt und damit erst möglich macht; mit unserer heimlichen Lust an schönen Melodien, die wir genußvoll mitträllern können; und mit den Massenmedien, die diese Lust professionell befriedigen. Am Anfang singt Andres ein ungestümes, drängendes Lied – am Ende tönt dieses Lied in einer synthetischen Version blechern aus dem Lautsprecher. Das Radio frißt unsere Träume und spuckt sie schematisiert wieder aus.

Durch seine Lehrer Günter Bialas, Carl Orff und Sergiu Celibidache geprägt, scheut sich Hamel nicht, in traditionellen musikalischen Formen zu denken und mit tonaler Harmonik zu komponieren. Seine Erfahrungen mit außereuropäischer Musik, erworben bei mehreren Asienaufenthalten, hat er 1976 in seinem Buch „Durch Musik zum Selbst“ erklärt. Mit seiner „Zwischen-Welt“-Musik, mit Improvisationen, mit der Verschmelzung von europäischen und außereuropäischen Kompositionsprinzipien hat Hamel viel Anerkennung bei Menschen gefunden, die vor der durchrationalisierten Welt flüchten und ihren Gefühlshaushalt mit Hilfe einer neuen Spiritualität in Ordnung bringen wollten – bei der musikalischen Avantgarde aber ist sein meditatives, „ganzheitliches“ Bestreben auf Ablehnung gestoßen.

In „Radio Sehnsucht“ schlägt Hamel aber einen ganz anderen Weg ein. Er spielt mit musikalischen Klischees und versucht, sein Publikum zu verführen. Zum Teil klingen die Lieder schrecklich sentimental und trivial, doch der Text läuft der Musik sanft und doch so brutal entgegen: „Unsere Liebe wird vergehen, nur die Grenze bleibt bestehen zwischen dir und mir.“ Ein schöner Choral. Fast in jedem Song gibt es „falsche“ Töne, überraschende Modulationen, harmonisch vage Wendungen. Die Absicht ist klar: Wenn es allzu schön wird, sollen unsere inneren Alarmglocken klingeln: „Vorsicht, Verführung!“

Die Musik appelliert an die Gefühle, fordert aber gleichzeitig dazu auf, das Gehirn zu bemühen. Hamel macht das ganz unprätentiös, beiläufig und ohne erhobenen Zeigefinger. Er verwendet schmissige Rhythmen, eine farbige Instrumentation und Melodien, für die ihm die Sänger dankbar sind. Alicja Mounk, die Ulmer Generalmusikdirektorin, hat die große Orchesterbesetzung (ohne Einbußen im Klang) reduziert und damit durchsichtiger und noch flockiger gemacht. Eine spiegelglatte Oberfläche, die sich, wenn Kieselsteine ins Wasser geworfen werden, ab und zu kräuselt.