Von Lothar Baier

Viele Millionen sind es gewesen, die binnen zweier Jahrhunderte über den Ozean geschafft wurden, zusammengepfercht und aneinandergekettet im Bauch von Schiffen, denen die Ladung den Namen gab: negrier, Negerkutter. Viele sind gar nicht erst angekommen, starben unterwegs an Krankheiten oder wurden bei Gefahr mitsamt Ketten und Eisenkugeln lebend über Bord geworfen. Am Bestimmungsort in der Neuen Welt kamen Überlebende an, bei der Ankunft begreifend, daß sie deportiert worden waren, um die Opfer einer anderen Gewalt zu ersetzen. Denn dem Sklavenhandel ging das Massaker an den karibischen Ureinwohnern voraus, deren Arbeitskraft dann schmerzlich vermißt wurde, als die wirtschaftliche Ausbeutung der von den Europäern besetzten Küsten und Inseln begann.

Was für ein Bewußtsein von Geschichte, von Herkunft und Kontinuität können die Nachfahren der afrikanischen Sklaven gewinnen, die heute, zusammen mit Nachkommen europäischer Pflanzer, asiatischer Vertragsarbeiter und arabischer Händler, die Bevölkerung der Antillen bilden? Das Meer, das die afrikanischen Vorfahren als Sklaven europäischer Herren zwischen den beiden amerikanischen Kontinenten an Land warf, hat keine Archive. Die Geschichte der Antillen läßt sich nicht aus Akten rekonstruieren, ihre Übermittlung fordert die Imagination heraus: Vielleicht liegt darin der Grund, daß die Antillen im Verhältnis zur Einwohnerzahl ungewöhnlich viele Autoren aufweisen.

Die knapp tausend Quadratkilometer große Insel Martinique hat zum Beispiel den Dichter Aimé Césaire hervorgebracht, der mit dem Konzept der Negritude dazu beitrug, im sich entkolonialisierenden Afrika das Bewußtsein von einem schwarzafrikanischen Kulturerbe jenseits von Stammesgrenzen zu wecken. Martinikaner war der Arzt und Schriftsteller Frantz Fanon, dessen Buch „Die Verdammten dieser Erde“ überall in der Dritten Welt als Aufruf zur Selbstbefreiung verstanden wurde, nicht nur zur Befreiung von der Kolonialherrschaft, sondern auch zur Emanzipation von den eigenen nationalen Mythen. Ebenfalls Martinikaner ist der Lyriker, Romancier und Essayist Edouard Glissant, Jahrgang 1928, dessen Bedeutung als scharfsinniger Ethnograph der postkolonialen Welt und als sprachmächtiger literarischer Chronist der antillischen Geschichte noch zu entdecken bleibt.

Die Sklaven prügeln sich

„Man muß so weit, so weit zurückgehen, um die ersten Lichter blinken zu sehen. Die Geschichte unseres Volkes muß erst geschrieben werden“, heißt es im ersten, 1958 erschienenen Roman „La Lezarde“ (der unter dem ein wenig romantisierenden Titel „Die Sturzflut – das Lied von Martinique“ 1959 schon in deutscher Übersetzung herauskam). Wie aber eine eigene Geschichte schreiben, wenn die Daten von der Chronik der Herrschaft gesetzt sind, von der Einführung der Sklavenwirtschaft im 17. Jahrhundert bis zu ihrer Aufhebung während der Revolution von 1848 und der Öffnung der Insel für den freien Arbeitsmarkt?

Das auf bisher fünf Romane angewachsene Erzählwerk Glissants ist Ergebnis der bewundernswerten Anstrengung, immer dichter ein erzählerisches Netz zu knüpfen, dessen Aufhängung gewissermaßen jeweils miterzeugt werden muß. Denn die geschriebene Herrschaftsgeschichte taugt dafür nicht. Ihren Bann wird der literarische Chronist aber auch dann nicht los, wenn er sich lediglich negierend auf sie bezieht und die Perspektive des Opfers absolut setzt. Wie es Glissant gelingt, aus dem Schatten des für alles verantwortlichen Kolonisators herauszutreten und das Leben der Antiller mit dem Gewicht einer eigenen Geschichte zu versehen, die jedoch nicht darauf angewiesen ist, ihre Substanz aus mythischen afrikanischen roots zu beziehen, das offenbart besonders eingängig und anschaulich der gerade in deutscher Übersetzung erschienene Roman „Die Entdecker der Nacht“.