Von Peter H. Jamin

Auf Ibiza verschwand 1981 die damals zwanzigjährige Andrea Welsch aus Coburg. Die Polizei vermutet, daß sie von international tätigen Zuhältern und Drogendealern entführt wurde. In Düsseldorf sucht die Kripo seit Monaten nach dem „Kö-Millionär“ Otto-Erich Simon, der spurlos verschwunden ist. Der 27jährige Martin E. aus Plangstadt meldete sich im Oktober 1989 während eines Urlaubs in Griechenland bei seiner Mutter zum letzten Mal, seitdem gilt er als vermißt. In Berlin sagte am 1. August 1991 ein 36jähriger Berliner zu seiner Freundin: „Ich geh’ mal eben Zigaretten holen“, er kam nicht zurück. „Richte schon mal das Essen, ich komme gleich“, bat der 62 Jahre alte Lebensmitteltechniker Bernt Merten aus Freiburg am 18. November 1991 seine Ehefrau Pia. Seit diesem Anruf aus seinem Labor ist er spurlos verschwunden.

Rund 70 000 Menschen werden jedes Jahr beim Bundeskriminalamt in Wiesbaden als vermißt registriert. Fünfzig Prozent dieser Fälle klären sich in wenigen Tagen und Wochen, weitere dreißig Prozent in einigen Monaten, der Rest klärt sich später oder auch nie mehr auf. „Personen gelten als vermißt, wenn sie ihren gewohnten Lebenskreis verlassen haben, ihr Aufenthalt unbekannt ist und eine Gefahr für Leib oder Leben, eine rechtswidrige Tat, ein Unglücksfall, Hilflosigkeit oder Freitod-Absicht angenommen werden muß“, zitiert Kriminaloberrat Elmar Zimmermann vom nordrhein-westfälischen Landeskriminalamt in Düsseldorf die Vorschriften. „Grundsätzlich kann jeder Bundesbürger gehen, wohin er will“, sagt Zimmermann. Und ein Erwachsener, bei dem die nötigen Verdachtsmomente nicht vorliegen, wird somit auch nicht von der Polizei gesucht, wenn er plötzlich verschwindet.

Eine Regelung, die Angehörige von Vermißten nur schwer verstehen können. Der Kölner Richard Thelen, dessen 27jähriger Sohn Sven-Ulrich vor einem Jahr verschwand, machte folgende Erfahrung: „Wir haben die Polizei verständigt, die das am Anfang auf die leichte Schulter genommen hat. Die meinten: ,Vielleicht hat er ’ne tolle Frau kennengelernt.’ Nach zwei Wochen durchsuchte die Polizei die Wohnung meines Sohnes, nach drei Wochen wurde er als vermißt registriert und nach fünf Wochen war sein Name dann im Computer.“ Es gibt neben der Polizei-Statistik eine vermutlich hohe Dunkelziffer von Vermißten, die von Angehörigen – aus welchen Gründen auch immer – erst gar nicht gemeldet werden und jenen volljährigen Vermißten, deren Registrierung von der Polizei aus den genannten Gründen abgelehnt wird.

Doch auch wenn die Polizei aktiv wird, fühlen sich die Zurückgebliebenen allein gelassen. Psychologen und Soziologen haben sich in den vergangenen Jahren zwar mit jugendlichen Ausreißern beschäftigt, doch kaum mit der Situation erwachsener Vermißter und ihrer Angehörigen. Es gibt auch keine Institutionen oder Organisationen, die helfen. Im Bonner Auswärtigen Amt kümmern sich gerade zwei Beamte um die jährlich im Ausland anfallenden rund tausend Vermißten-Fälle.

„Es wäre gut, wenn es Selbsthilfegruppen gäbe, die die Angehörigen bei der Bewältigung ihrer Probleme unterstützen könnte. Dann wären wir nicht so allein“, sagte Heidi Stein aus Hoitlingen bei einem Treffen mit Angehörigen von Vermißten in einer Düsseldorfer Buchhandlung, wo sie aus dem Buch „Wo ist Dirks vorlas. Es beschreibt ihr eigenes Schicksal: Ihr dreieinhalbjähriger Sohn verschwand 1979 auf dem Parkplatz Heimkehle/Uftrungen in der ehemaligen DDR.

Während einer bundesweiten Vermißten-Telephonaktion, die der Autor zur Vorbereitung eines Fersehberichts („Vermißt! – Über Menschen, die verschwinden, und jene, die sie suchen“ West 3, Montag, 13. April 1992, 20 Uhr) durchführte, meldeten sich über hundert Angehörige und berichteten von ihren schmerzlichen Erfahrungen. „Ich bin so verzweifelt“, erzählte eine Frau, „wenn man mir morgen meinen Mann tot zurückbringen würde, wäre ich fast dankbar.“