Von Michael Braun

Eine produktive Annäherung an Gedichte, behauptet Ursula Krechel in einem poetologischen Essay aus dem Jahr 1982, sei vergleichbar mit dem Schälen einer Zwiebel. Das Abtragen jeder neuen Haut-, respektive Sprachschicht ermögliche neue Entdeckungen, eröffne neue Lesarten.

Ursula Krechels neuen Gedichten allerdings ist auch mit unendlich viel zwiebelschälender Geduld kaum beizukommen. "Technik des Erwachens": Schon die seltsam spröde Titelmetapher des Bandes verweist auf die Lust an der Konfrontation des poetisch Disparaten, ja Unvereinbaren. Experimentelle Montagetechniken sollen dem Gedicht neue Energien zuführen, die Sprache aus dem Gefängnis automatisierter Alltagsrede befreien.

Problematisch wird ein solches Verfahren dort, wo die Sprache des Gedichts vollständig aus ihren kommunikativen Funktionen entlassen wird. Man mag denn auch die aufeinanderliegenden Sprachschichten dieser Gedichte noch so sorgfältig abtragen, die Mühe ist meist vergeblich. Der sprachspielerische Ehrgeiz, der Ursula Krechel offenbar antreibt, führt oft genug zu einer abstrakt-poetischen Überkomplexität, die sich jedem Versuch des Verstehens widersetzt.

Fast scheint es so, als wolle sich Ursula Krechel durch die sprunghaft-assoziative Sprachbewegung ihrer Gedichte nicht nur jedweder philologischen Schnüffelei, sondern auch einem einfühlenden Lesen entziehen: Wer nicht spricht, spritzt. Das Weiße lebt

vom Blauen. Und Wäscherinnen lispeln:

Ach, weißer Plunderbart. Magst duzen, aber