Von Barbara Sichtermann

Früher, als es die Privatsender noch nicht gab, sei das Programm besser gewesen. So begründen viele Fernsehmuffel ihren Entschluß, die Kiste aus dem Wohnzimmer in die Küche abzuschieben oder sonstwie aus dem Ensemble ihrer Feierabendgenüsse auszumustern. Daß es den vielbeschrieenen „Niveauverlust“ bei ARD und ZDF wirklich gegeben hat, läßt sich indessen kaum nachweisen. Nachweisbar ist ein Übergang vom integrierten Programm, das allen von jedem was bot und den rundum interessierten Zuschauer unterstellte, zum Zielgruppenprogramm, das jedem etwas bringt und den spezifisch interessierten Zuschauer voraussetzt.

Dieser Übergang ist durch die private Konkurrenz erzwungen worden: Man drängt populäre Programme in die prime time, also die Feierabendstunden, um Quoten und Werbekunden zu halten. Kaum ist der Zuschauer nur noch als Größe (Quote) im Kalkül der Programmacher präsent und nicht mehr als Mensch mit Eigenschaften, gehen Programmumbauten zu Lasten des spezifisch Interessierten, also der Minderheiten. Sie sind es jetzt auch, die maulen.

Gleichwohl beschränkte der Programmumbau das Kontingent der anspruchsvollen Sendungen nicht durchweg – er verteilte es nur anders: aus der prime time in den Morgen oder die Nacht, wo die guten Sachen immerhin per Video festgehalten werden können. Um sich sein „besseres Programm“, das er vermißt, zu erhalten, muß der anspruchsvolle Fernsehzuschauer heute eigens aktiv werden: Er muß Programmzeitschriften studieren, muß „seine“ Sendungen ankreuzen und den Videorecorder rechtzeitig programmieren. Er wird nicht mehr wie zu Zeiten des öffentlich-rechtlichen Monopols von weisen Programmgestaltern mit einer Art Garantie auf „Niveau“ bedient. Die neue Fernsehmüdigkeit hat mit der Konkurrenz im Äther zu tun – aber daß das Programm „früher besser“ gewesen sei, ist nicht der wahre Grund.

Der Verdruß am Programm riecht nach Vorwand. Dahinter steckt eine andere Enttäuschung, die nicht dem Programm gilt, sondern der mit Ende des Monopols von ARD und ZDF für immer zerstörten stabilen Seher-Sender-Bindung. Der Zuschauer, der gezwungen ist, sich sein Programm auf dem Markt vieler beliebiger Anbieter zusammenzusuchen, ist nicht nur vergrätzt, weil ihm das Arbeit macht, sondern verprellt, weil er sich vor die Tür gesetzt fühlt: weil ihn die Exmonopolisten, an die er sich schließlich gewöhnt hatte und die jetzt als zweie unter vielen entwertet dastehen, um seine große und geliebte Glotz-Gemeinde gebracht haben. Mitten auf dem Fernsehsofa fühlt er sich unbehaust. Die Fernbedienung entschädigt ihn da keineswegs. Im Gegenteil. Sie ist geradezu der Beweis dafür, daß es niemand Berufenen mehr gibt, der ihm die Entscheidung abnimmt, was und wann er gucken soll, sondern daß die Verantwortung dafür bei ihm selbst angekommen ist.

Nicht alle, die sich vom Fernsehen enttäuscht fühlen, reagieren durch Abschaffen ihres Geräts. Viele sorgen auch dafür, daß in der Bundesrepublik amerikanische Zustände einreißen und Fernsehen nur eingeschaltet wird, um im Hintergrund zu munkeln und zu funkeln, während im Vordergrund das Familienleben stattfindet. Diese Neigung der Nutzer, das Programm mit den Sinnen nur noch zu streifen, während Skatrunden oder Herzensergießungen ihre Hauptaufmerksamkeit fressen, ist übrigens ein noch deutlicheres Signal für die Abwertung des Fernsehens als die Verbannung oder Verschrottung des Apparats – ganz wie eine Scheidung der oder dem Ex doch mehr Würde beläßt als die stillschweigende Herabstufung zum Zweitgespons.

Auch die gespaltene Aufmerksamkeit, durch die Fernsehen heute so oft gestraft wird, kommt nicht wirklich vom Programm. Daß Glotzen nicht mehr so viel Spaß macht, hängt mit der Auflösung der Fernsehgemeinde zusammen, deren Verlust die Kabelpolitiker seinerzeit in Kauf genommen haben, ohne zu ahnen, wieviel sie den Zuschauern bedeutete. Der Mensch ist ein unverbesserliches Gemeinschaftstier, und er hat sogar beim Fernsehen, dieser solo oder mit wenigen Angehörigen vollzogenen Prozedur, das Bewußtsein, daß Millionen im selben Moment dasselbe tun, am meisten genossen.