Japans Arbeitnehmer besinnen sich auf den Wert der Freizeit

Von Michael Backfisch

Daß Hideki Harada zu Hause starb, ist im nachhinein kaum zu glauben. Wie Millionen hart arbeitender Japaner war er fast nie da. Jeden Morgen um sieben Uhr verließ der 33jährige Computeringenieur seine Wohnung in der tristen Betonwüste Kawasaki, zuckelte mit einem der überfüllten Pendlerzüge in sein Tokioter Büro und kam achtzehn Stunden später erschöpft zurück. Nach wenigen Stunden Schlaf begann ein neuer Marathonarbeitstag. Eintausend Überstunden rackerte Harada in seinem letzten Lebensjahr zusammen.

An einem Sonntag im Mai vergangenen Jahres hatte er sich vor dem Abendessen kurz hingelegt – und wachte nicht mehr auf. Die Ärzte diagnostizierten später „Tod durch Hirnschlag“. Doch Haradas Familie sieht dies anders: Für sie ist Hideki ein Opfer von „Karoshi“ – wörtlich „Tod durch Überarbeiten“.

Dafür kämpft sie nun vor Gericht. Vater Eiji verklagte die Firma seines Sohnes: Die vielen Überstunden, die von den Angestellten erwartet wurden, hätten zum Tod Hidekis geführt. „Warum mußte er sterben“, fragt Eiji, „war er nur ein Wegwerfartikel?“ Achtzig Millionen Yen Schadenersatz stehen auf dem Spiel, umgerechnet eine Million Mark.

Noch vor wenigen Jahren haben Japans Familien auch die härteste Arbeitslast geduldig ertragen. Doch inzwischen ist Eiji Haradas Gang vor den Kadi keine Ausnahme mehr. Rund hundert Fälle wegen „Tod durch Überarbeiten“ beschäftigen zur Zeit die japanischen Gerichte. Karoshi wurde zu einem Reizwort, die Zahl der Klagen nimmt Jahr um Jahr zu.

Ein Paragraphenwall