Von Gero von Randow

Wer seinen Urlaub in Südspanien verbringt, kann hier und da seltsame Objekte sehen: zwei weiße Mickymaus-Ohren auf einem mannshohen Metallgerüst. Die Gebilde sind "Transponder", mit deren Hilfe das Radar eines Satelliten geeicht wird. Der Umweltsatellit namens ERS-1 gehört der europäischen Weltraumbehörde ESA und umkreist seit dem vergangenen Sommer den Erdball, um ihn zu "beäugen".

Das machen andere Satelliten auch, doch kein künstlicher Himmelskörper blickt so durchdringend wie ERS-1. Sein Mikrowellenradar (synthetic aperture radar = SAR) späht auch durch Nacht und Nebel, selbst dickes Gewölk macht ihm nichts aus. SAR-Bilder vom wolkenbedeckten Deutschland zeigen nicht die geringste Trübung.

Schon im vergangenen Jahr präsentierte die ESA erste brillante ERS-Radarbilder. Sie waren so vorzüglich, daß die beteiligten Forscher darauf drängten, möglichst bald mit der für Ende 1991 versprochenen kontinuierlichen Datenlieferung zu beginnen. Bald allerdings ging es ihnen wie dem Gast eines Restaurants, der nach der leckeren Vorspeise unerwartet lange auf den nächsten Gang warten muß. "ERS-1-Daten noch immer in der Mache", höhnte das Wissenschaftsblatt Nature Ende Januar. Doch die Experten der ESA wollten erst Softwarefehler ausbügeln und die Qualität der herabgefunkten Datensätze überprüfen, sie mit Messungen vor Ort vergleichen. Das war nicht immer einfach; ein kräftiger Sturm beispielsweise riß die Meßbojen los, mit welchen die ESA-Forscher Ende 1991 in der norwegischen See Wind und Wellen registrieren wollten.

Seit Mitte März bekommen die Wissenschaftler endlich alles, was sie wollen. Auf dem Europäischen Weltraumkongreß in München Anfang April heimste die ESA viel Lob ein. Ein bißchen sauer sind freilich über hundert japanische Forscher, die auf schneebedeckte Berge gekraxelt waren, um zeitgleich mit dem Satelliten Eis und Gletscher zu untersuchen: Just in dem Moment, als ERS-1 ihr Gebiet aufnehmen sollte, fiel das Mikrowellenradar aus.

Das Gerät, das inzwischen wieder tadellos funktioniert, ist der Star an Bord des zivilen Spähers. Es "schaut" nicht lotrecht hinab, sondern "schielt" entlang der Flugbahn zur Seite, bestreicht einen 100 Kilometer breiten Streifen, schlägt dabei Schatten und erfaßt deshalb auch feine Konturen von Land und Meer. Der kleinste erkennbare Bildpunkt ist etwa 30 mal 30 Meter groß, und das bei einem Radarbild aus über 800 Kilometer Distanz.

Aufnahmen vom Ärmelkanal zeigen Turbulenzen, hervorgerufen von Sandbänken, sowie bis zu 70 Kilometer lange Wasserspuren hinter den Fähren. Wie präzise das Radar unterschiedliche Oberflächen ortet, demonstriert es über Eisflächen. Ungehindert durch die Wolkendecke, prallen die Mikrowellen auf polare Eismassen, werden wieder zum Satelliten reflektiert und enthalten nun Informationen über Oberflächenstruktur und Dichte ihres eisigen Spiegels – eine Datenquelle, von der die Glaziologen (Eiswissenschaftler) bislang nur träumen konnten.