Von Albrecht Moll

In den Reiseführern und Bildbänden über Alaska wird der Katmai-Nationalpark nur am Rande erwähnt. Der Grund dafür liegt sicher darin, daß diese unberührte Wildnis auf der Nordseite der 800 Kilometer langen Landzunge der Alaska-Halbinsel nur schwierig zu erreichen ist, gewöhnlich mit dem Flugzeug, ausnahmsweise mit dem Boot. Landverbindungen gibt es nicht. So kommt es, daß nur eine kleine Gruppe von Jägern, Anglern und Naturfreunden Kosten und Mühen auf sich nimmt, um den 16 000 Quadratkilometer großen Park zu besuchen, der als Land der Bären gilt, wegen seiner Fischgründe berühmt ist und wegen des Tals der zehntausend Rauchsäulen.

Ein Linienflugzeug befördert die Gäste zunächst von Anchorage etwa 480 Kilometer in südwestliche Richtung nach King Salmon. Dort steigt man um in ein Wasserflugzeug, das für den Flug zum Brooks-Camp am Nanek-See rund zwanzig Minuten braucht.

Die Region des Katmai-Nationalparks war vor fast achtzig Jahren Schauplatz eines der gewaltigsten Naturereignisse des Jahrhunderts. Der gesamte nördliche Himmel verdunkelte sich, als am 6. Juni 1912 der Vulkan Novarupta explodierte und ein zwanzig Kilometer langes Tal mit einer über 200 Meter hohen Ascheschicht bedeckte. Die Eruption war zehnmal so stark wie die des Mount St. Helen im Jahre 1980. Der Botaniker und Forscher Robert Griggs, der vier Jahre nach dem Ausbruch des Vulkans hierherkam, entdeckte als erster ein Tal, das völlig von Asche bedeckt war. Tausende und Abertausende von Rauchsäulen stiegen auf; daher stammt der von Griggs geprägte Name: „Tal der zehntausend Rauchsäulen“.

Die erkennt der Besucher freilich heute nicht mehr. Er sieht eine unwegsame Wüste, eine gespenstisch anmutende, mondähnliche Landschaft. Was den Besuch dennoch reizvoll macht, sind die Farben: das Gelb des Sandes beziehungsweise der Asche, die jetzt die Erde bedeckt, das Blau der Bäche und Flüsse, die sich im Laufe der Jahre einen Weg durch die Ascheschichten gebahnt haben, das Grün der angrenzenden Wälder und das Schneeweiß der Berge mit ihren blaugrauen Spitzen und den hellen Gletscherfeldern. Im Aschetal sind keine Bäume, keine Sträucher zu finden. Hier und da aber sieht der Besucher ein Pflänzchen, das mit grünen Blättern und roten Blüten neues Leben anzeigt, daneben Knochenreste eines Elches oder Karibus, wahrscheinlich Opfer hungriger Bären oder Wölfe.

Ausgangspunkt für die Abenteuer, die der Reisende im Katmai-Nationalpark erleben kann, ist die Brooks-River-Lodge. Sie liegt zwischen Weidenbüschen und Erlenwäldern am Nanek-See, dem drittgrößten See Alaskas. Die Lodge und ihre Umgebung, vor allem der Brooks River und der Nanek-See, werden als idealer Platz für Angler gerühmt: Es gibt Regenbogenforellen, Seeforellen, im Juli auch Rotlachs. Jeder Gast darf in Brooks einen selbstgeangelten Lachs behalten. Das Gewicht der Fische schwankt zwischen vier bis acht Kilo bei einer Länge von siebzig bis neunzig Zentimetern.

Als Höhepunkt des Aufenthaltes gilt der Bären-„Zirkus“ am Brooks-River-Wasserfall. Ein schmaler Pfad führt von der Lodge durch den Wald über Wurzelgeflecht und umgestürzte Bäume, vorbei an Farnkraut, Weiden und Erlenbüschen, zwischen hohen Hemlocktannen hindurch, bis man das Brausen und Donnern der Wasserfälle hört.