Wie kam Mose mit dem Volk Israel durchs Meer? Eine nach wie vor offene Frage.

Vor 3300 Jahren, soweit ist man sich heute einig, hat Mose sein Volk Israel aus Ägypten herausgeführt. Der Rest ist umstritten. Der lieben Gewohnheit, die Einzelheiten lieber im Dunkel der Geschichte ruhen zu lassen und sich bei Bedarf ganz der erbaulichen Seite der biblischen Erzählung hinzugeben, steht der Ehrgeiz zweier Forscher im Wege, die jetzt den Glauben an das Wunder am Schilfmeer um eine Variante des Wissens bereichert haben.

Die Spannung der Geschichte liegt in der klassischen Ausweglosigkeit: Vor sich das Meer, im Rücken die Horde der bis an die Zähne bewaffneten ägyptischen Krieger, sieht sich das Häuflein der entflohenen Sklaven eingekeilt. Natürlich zittern wir mit denen in der Mitte; das rettende Wunder läßt auch unsere Gefühle triumphieren.

Was aber spaltete das Meer, damit das Volk Israel trockenen Fußes hindurchziehen konnte? Was ließ die Ägypter mit Roß und Reiter, Mann und Wagen in den zurückflutenden Wassern ertrinken? Kapitel 14 des Buches Exodus schildert mehrdeutig: Eine magische Kraft strömte aus dem erhobenen Arm des Mose und verkehrte die Gesetze der Natur. Aber auch: „Jahwe ließ durch einen starken Ostwind die ganze Nacht hindurch das Meer hinweggehen und machte so das Wasser zu trockenem Land.“

Göttlicher Zauber oder himmlische Winde? Naturwissenschaftliche Skepsis verband sich mit gläubiger Hoffnung zu eifrigem Forschen. Doron Nof, Ozeanograph an der Florida State University in Tallahassee, und Nathan Paltor, Klimaexperte aus Jerusalem und Dozent an der Rhode Island’s Graduate School of Oceanography in Narragansett, bewiesen mit wissenschaftlicher Stringenz: Am Golf von Suez, einer nördlichen Zunge des Roten Meeres, kann ein stetiger Wind aus den Bergen mit einer Geschwindigkeit von 40 Knoten (74 km/h) das Wasser nach Süden drücken. So entsteht eine Furt, die über ein Riff tatsächlich einen trockenen Weg öffnet. Legt sich der Wind, dann strömt das Wasser in nur vier Minuten zurück – es gibt kein Entkommen für den, der eben noch über sicheren Boden ging.

Dies ist nicht der erste Versuch, das Wunder zu ergründen. Schon 1958 zählte der Alttestamentler Martin Noth in seinem Kommentar zum 2. Buch Mose vier das Geschehen möglicherweise erklärende Naturphänomene auf: Heiße Luft aus Osten lasse den Wüstenhorizont vor den Augen wie Wasser verschwimmen – eine Fata Morgana könnte die Ägypter zerstreut haben. Es könnte sich auch um Ebbe und Flut in einer Mittelmeerbucht gehandelt haben. Oder um vulkanische Eruptionen, die den Eindruck einer „Wolken- und Feuersäule“ hervorriefen, für Mensch und Natur gleichermaßen verwirrend. Und schließlich wußte Martin Noth eben auch schon: Der Schirokko könnte Gottes Volk den Weg freigeblasen haben.

Nur: Bis heute weiß niemand, welche Richtung die Hebräer auf ihrem Weg ins Gelobte Land einschlugen. Nordöstlich, am Mittelmeer vorbei? Südöstlich durchs Rote Meer? Oder war das „Schilfmeer“ ein See dazwischen? Keine außerbiblische Quelle löst die historischen Rätsel. Die beiden Forscher gaben einen winzigen Hinweis auf einen möglichen Ort der biblischen Geschichte, mehr nicht. Dem, der glaubt, mag es als Indiz für die Wahrheit der Erzählung gelten. Dem, der nicht glaubt, bestätigt es den Verdacht, alles Wunderliche gehe, sehe man nur genau hin, mit natürlichen Dingen zu. Und alle sind so klug als wie zuvor.