Warum wird am deutschen Theater so unendlich viel gesoffen? Ich rede nicht von den Bühnentechnikern, den Buchhaltern und den Umbaustatisten, die ihr Gesicht vor kein Publikum tragen müssen. Ich rede von den Schauspielern. Ich meine auch nicht das Glas Wein zum Abendessen und den Schluck vor dem Einschlafen, ich rede nicht einmal vom festlichen Rausch in der Gesellschaft der Freunde, ich meine den kleinen faden Alltagssuff, den seelischen Elendsalkoholismus, der in den deutschen Kantinen grassiert wie die Pest. Warum sind die deutschen Schauspieler so unglücklich? Warum trinken sie so viel mehr als beispielsweise die französischen, die, fast immer arbeitslos, gute Gründe hätten, den Rest ihres Stempelgelds ins Vergessen zu investieren? Warum hat man, wenn man eine deutsche Schauspielkantine betritt, das Gefühl, einen Ort des Unglücks zu betreten? Warum sieht man überall rote Flecken auf den Gesichtern, rote Nasen, trübsinnige Augen? Sie haben doch alle, Privilegierte der westlichen Welt, dreizehn Monatsgehälter, Dreijahresverträge, Abendgagen, Unkündbarkeitsklausein ... Sie leben im Schlaraffenland, aber sie wissen es nicht, und sie können nicht einschlafen, denn sie werden, wie die berühmte Prinzessin im Märchen, von einer Erbse kaputtgedrückt.

Der Regisseur Benjamin Korn im Aprilheft der Zeitschrift „Theater heute“

Undine tropft

Was ist das? Es hat zwei Beine, hängt an einem Draht und tropft? Etwas zum Essen? Ein gemarterter Wohnungsuchender? Ein Huhn? Ein verlorener Liebhaber? Ein bescheuerter Dichter? Nein, nein, nein. Es ist eine Strumpfhose. Eine Überraschung? An der Bedeutung der Strumpfhose geht der größte Teil der Menschheit lieblos vorüber. Dabei ist die Strumpfhose, schreibt die Schriftstellerin Undine Gruenter in der „Frankfurter Anthologie“ der FAZ vom vergangenen Wochenende, beinahe „so praktisch wie ein Pappbecher“. Wer Strumpfhose gesagt hat, hat alles gesagt. Alles über den todbringenden Einfluß der Strumpfhose auf das menschliche Herz. Denn das, sagt die Gruenter, was aus der tropfenden Strumpfhose tropft, ist die „Unmöglichkeit der Liebe“. Das gilt für alle und besonders natürlich für schwarze Strumpfhosen. Aus den schwarzen Strumpfhosen tropft diese Unmöglichkeit literweise. Denn schwarze Strumpfhosen haben den schwarzen „Dreck der Passion“, über den die Autorin uns in ihrer atemberaubenden Deutung des schönen Gedichts von Rolf Dieter Brinkmann „Trauer auf dem Wäschedraht im Januar“ rückhaltlos aufklärt. Der Fall ist klar: Das Schwarze an der Hose ist das Aussichtslose. Deshalb stößt der Anblick einer schwarzen, tropfenden Strumpfhose selbst hartgesottene Wonnemenschen in eine Krise, und die Trauer baumelt ihnen im hellen Wintermonat April ins kindliche Herz. Das ist jenes noch immer viel zu unbekannte tiefe Tal der schwarzen Strumpfhosen und menschlichen Abgründe. Oder, in den Worten der Dichterin: „Zwischen dem Wissen, daß Wäsche und der Banalisierungsprozeß, den sie vorantreibt, nicht rückgängig zu machen sind, und dem Setzen auf einen unausgewaschenen Fleck gerade in diesem Prozeß bewegt sich das Bewußtsein dieses lyrischen Ich wie ein Transvestit – er hängt in der Ambivalenz, im Paradox.“ Undine Gruenter – die Interpretin mit der doppelten Waschkraft.