Als ein „Denk-Diktat ohne jede Kontrolle durch die Vernunft“ hat André Breton die automatische Schreibtmethode in seinem „Ersten Surrealistischen Manifest“ bezeichnet, und der Trefflichkeit dieser Definition mag sich auch jener Leser nicht entziehen, der der écriture automatique oder, allgemeiner gesprochen, dem Surrealismus eher skeptisch gegenübersteht. Zweifellos liegt die Gefahr dieser Schreibpraxis darin, daß der freie Fluß der Inspiration in den gleichmachenden Zwang eines Regimes namens Zufallsprinzip abgeleitet und das Zwingende der poetischen Stimmigkeit von den Zufällen verbalakrobatischer Beliebigkeit abgelöst wird.

Im literarischen Werk der Anneliese Hager, das jetzt unter dem Titel „Die rote Uhr und andere Dichtungen“ von Rita Bischof und Elisabeth Lenk herausgegeben wurde, wird man vor allem die Lyrik und einen Teil der verstreuten Prosagedichte von dieser Gefahr bedroht sehen: Zwar gelingen der Autorin da, wo sie auf behutsame Endreime und prononcierte Metrik Wert legt, bisweilen wunderbare Texte, doch die formal freieren Arbeiten neigen zu leerem Klanggeklapper („Der Hopfentöpfer zerkrümelt die Krawattenkrüge“) oder suchen vergeblichen Halt in bemühten Stabreimkonstruktionen („Grau grottet der Gram / und schwarze Schwingen schweigen“). Ebenfalls mit recht gemischten Gefühlen liest man Anneliese Hagers phantastische Erzählungen aus den endfünfziger Jahren, deren etwas zu aufdringliche und durchsichtige antiutopische Symbolik als Gegengewicht zur Sturzflut der Traumassoziationen nicht recht funktionieren will.

Dennoch ist die Herausgabe dieses Bandes eine lange überfällige Tat, die Lob verdient – und das aus zwei Gründen. Zum einen gehört die 1904 in Westpreußen geborene, heute in Oberbayern lebende Anneliese Hager als deutsche Surrealistin einer so seltenen literarischen Spezies an, daß ihre Texte – auch die weniger gelungenen – wie Boten von einem fremden Stern wirken und eine verschüttete Tradition der Avantgarde ins Gedächtnis rufen, deren Möglichkeiten nach wie vor unausgeschöpft sind. Zum anderen enthält der Band mit dem Prosazyklus „Die rote Uhr“ aus dem Jahre 1947 eine Arbeit, die die genannten Gefahren surrealistischer Schreibpraxis mit Bravour umschifft und verstehen läßt, warum Paul Celan sich immer wieder daraus vorlesen lassen wollte.

Anneliese Hager komponierte mit dieser Prosadichtung tatsächlich ein „Labyrinth aus Augen“ und eine „Fuge aus Fragen ohne Antwort“; aus den Einzeltexten der „Roten Uhr“ schält sich eine in sich stimmige und geschlossene Bilder- und Metaphernsprache heraus, die in eine andere, eine analytisch reflektierende Sprache nicht zu übersetzen ist. Man kann bei der Lektüre durchaus etwas über das Walten poetischer Kreativität lernen, und in diesem Sinne hat Rita Bischof recht, wenn sie im Nachwort die „Rote Uhr“ als „eine Art Bildungsroman der Metaphern“ bezeichnet, wenngleich der betuliche Begriff aus der literaturgeschichtlichen Mottenkiste das Aufregende dieser Prosa eher verdeckt. Die Bildsprache der „Roten Uhr“ ist ganz und gar sinnlich und wehrt sich gegen jeden Versuch von Abstraktion oder Systematisierung, und doch öffnet sie sich auf wundersame Weise dem Verständnis des hinschauenden Lesers. Friedhelm Rathjen

  • Anneliese Hager:

Die rote Uhr und andere Dichtungen Herausgegeben von Rita Bischof und Elisabeth Lenk; Arche Verlag, Zürich 1991; 213 S., 48,– DM