Von Michael Buselmeier

Lyriker sind besondere Menschen. In ihren Gesten des Kummers wie der fragilen Größe inszenieren sie sich unablässig selbst. Viele pfeifen darauf, verstanden zu werden, sie geben sich im Gegenteil jede Mühe, unverständlich zu erscheinen in einer so verständnisarmen, hinfälligen Welt. Manche kultivieren sogar Privatsprachen, rätselhaft splitternde Texturen, die kaum mehr kommunizierbar sind.

Michael Donhausers Liebes- und Lobgedichte habe ich immer von neuem laut gelesen und bin dabei jedesmal wider Willen in ein sinntilgendes Rezitieren geraten, einen singenden Tonfall, der mich schnell ermüdete und die Gedanken weit abschweifen ließ. Diese Gedichte, zumal die längeren, mit Ernst und Kunstfertigkeit organisiert, sind nur in kleinen Dosen bekömmlich. Ein schwerer, tastender Rhythmus trägt den Poeten an die Ränder der Stadt und über die nassen Felder; kein leichtsinniges Spazierengehen, eher ein Passionsweg.

Angeblich auf der Suche nach der verlorenen Geliebten, durchstreift dieser Orpheus Herbst-, Winter- und Frühlingslandschaften, er erinnert sich klagend, er spricht die Verschwundene an, die freilich, im Unterschied zu den begegnenden Dingen, gestaltlos bleibt. Der unglücklich Liebende ist stets unterwegs, „den Eingängen entlang, den Toreinfahrten, den Baustellen“, insgeheim geborgen in seiner Einsamkeit und in der Sprache, deren Wucherungen ihn weiterführen. Allein das Gehen durch die „Stille“, der Anblick und das Benennen von „Amsel“, „Holunder“, „Kirschbäumen“, verheißt dem Verlassenen Glück. Denn „die Natur ist prächtig und erhellt“.

Nun beginnen aber zahlreiche Gedichte mit einem Stakkato kurzer, abgerissener Wörter, die – absichtsvoll unpoetisch – dem Leser Einstimmung und Zutritt verwehren: „Oder nicht mehr dann, jetzt, noch, nenne ich / Und du wieder dich, die wir und getrennt uns wie / Verlassen so haben und sind und suche nicht noch / Und dich, so auf den Straßen ...“ Der zerstückelte Anfang geht in substantivische Aufzählungen über: „So gerufen ins Dröhnen der Schwerlastzüge, der Motorräder und / Dem Bahndamm entlang, dem Grashang, der Bretterwand, den Plakaten / Und entlang den Kleingärten, den Zäunen, den Zauntüren, den Schildern / Und den geschnittenen, den Hecken, den späten, dichten ...“ Dann wird die Geliebte angerufen und zusammen mit den Gegenständen begrüßt und gefeiert: „Himmelszelt du / und Ödraum du, Bretterstapel, Teerblache, Öllacke, Telefonkabine, so / Gelbleuchtend und Imbißstube und Gassenverlies, Mondtreiben du ...“ Der stockend vorgetragene innere Monolog reißt schroff mitten im Satz ab. Stilistische Eigenarten wie das Nachstellen des Attributs verstärken den epischen Grundzug.

Diese Lobgedichte auf Landschaften funktionieren nach dem Prinzip des syntaktischen Labyrinths: Man irrt durch abgebrochene Satzgebilde, die sich in kunstvoller Verwirrung befinden. Manchmal scheint es, als würde der treffende Ausdruck noch gesucht („und wieder bis oder daß und dann ...“), eine zögernde, stotternde Sprechweise, die die Wörter nur mißtrauisch, wie zur Probe ausspricht. Der Leser muß sich von Wort zu Wort vorantasten und über redundante Stolpersteine wie über enggestellte Hürden hinwegsetzen – ein beschwerlicher Weg durch die Erinnerungslandschaft einer Sprache, die sich ein Stück weit selbständig gemacht hat, jedoch nach gutwilligem Eingewöhnen vertrauten Mustern immer ähnlicher sieht.

Von lyrischer Konzentration auf das angeblich Wesentliche hält Donhauser wenig. Er läßt die Gedichtsprache assoziativ von Bild zu Bild springen, dann wieder langzeilig fluten um einen nie aus den Augen verlorenen poetisch-metaphysischen Kern, um so ehrwürdige Motive wie „Sehnsucht“, „Abendstille“, „Seligkeit“, „Trennung“, „Tod“. Vielleicht sollte man diesem untergründig feierlichen Rauschen der Wörter, das alle Gedichte des Bandes verknüpft, folgen, ohne viel nach ihrer Bedeutung zu fragen und ohne sich von den syntaktischen Manierismen irritieren zu lassen, verliebt in „das Weiße der Sprache“, so rein, ein weißes „Fließen“, dem sich das Ich anvertraut und in dem aller Kummer endet: sich aufgeben, loslassen – das wäre ein schöner Wintertod, wie ihn Robert Walser nicht sanfter ausdenken könnte.