1733 erhoben sich schwarze Sklaven auf der Insel St. John. Gouverneur Gardelin, der für die damals zum Königreich Dänemark gehörenden westindischen Inseln zuständig war, reagierte mit einer Verschärfung der Sklavengesetze. Die Anführer von entlaufenen Sklaven sollten mit glühenden Eisen gebrandmarkt und dann aufgehängt werden. So eine der Bestimmungen. Entflohenen Sklaven wurde mit grausamen Verstümmelungen gedroht. Die Folterphantasien der weißen Herren hatten Tradition.

Autor Scott O’Dell, der 1989 im Alter von 91 Jahren starb, webt aus diesem historischen Stoff seine letzte Erzählung „Ich heiße nicht Angelika“. Wie in vielen seiner Bücher – das bekannteste dürfte der Jugendbuchklassiker „Insel der blauen Delphine“ sein – läßt er auch hier den Konflikt zwischen weißen Kolonialherren und schwarzen Unterdrückten aufleben.

Raisha steht mit Konje, ihrem Freund, und Dondo, dem Haussklaven ihres Vaters, auf der Plattform eines Marktplatzes. Ein Auktionator preist die drei als Prachtexemplare an. Der Hammer fällt, den Zuschlag erhalten die Plantagenbesitzer Jost van Prok und Frau Jenna für 300 Reichstaler. Raisha, die in Afrika von einem verfeindeten Stammeshäuptling verschleppt und an einen portugiesischen Sklavenhändler verkauft worden war, hat die sechsmonatige Tortur auf dem Schiff Abenteuer Gottes überlebt und blickt nun erwartungslos ihren neuen Eigentümern entgegen. Gleich nach der Ankunft in Habichtsnest auf der Insel St. John verpaßt ihr die Herrin den neuen Namen – Angelika.

Wer nun eine grausige Schilderung von geschundenen Sklaven und unmenschlichen Sklavenbesitzern erwartet, wird enttäuscht. Die sechzehnjährige Raisha – privilegiert in ihrer Stellung als Leibdienerin von Frau Jenna – registriert, beobachtet und schildert nüchtern und klar, nur manchmal schleichen sich traurige Untertöne ein. Auf moralische Schuldzuweisungen kann sie verzichten, denn der Alltag auf der Zuckerrohr- und Baumwollplantage spricht für sich. Kein Vorwurf, kein Urteil – Raishas Stärke liegt im Instinkt und im Menschenverstand.

Doch dann ruft die große Trommel von Marys Landspitze, jener Klippe, die den aufständischen Sklaven als Versteck dient. Während Raisha ihrer Herrin den Rücken schrubbt oder becherweise Zuckerrohrschnaps serviert, spürt sie, daß sie zu den Entflohenen gehört. Aber noch muß sie sich gedulden und Lebensmittel sammeln, denn auf Marys Landspitze ist Nahrung knapp.

Es gibt nur einen Augenblick trostloser Freude in dieser Erzählung: Als Raisha bei ihren Freunden ist und ein Prediger sie mit Konje traut. Die Sklaven singen und tanzen dazu, das Fest gilt gleichzeitig dem bevorstehenden Kampf, ihrem Tod. Bis dahin verstreichen noch beklemmende Wochen.

Das Ende wird vom lang ersehnten Regen eingeleitet, vom Windrauschen in den Topffruchtbäumen, dem Aufleuchten grüner Kaktusreihen. Die einzige Hoffnung schöpfen Raisha und die Aufständischen aus dem Wissen, daß ein Tod durch die eigene Hand die Rückkehr der Seele nach Afrika und ihr Weiterleben in der Seele eines Edelmannes verspricht.