Die größte Immobilienfirma der Welt, Olympia & York, steckt in einer schweren Krise

Von Christian Tenbrock

Rechtschaffen, optimistisch und verschlossen: So beschreiben Geschäftspartner die mehrfachen Milliardäre Ralph, Albert und Paul Reichmann. In drei Jahrzehnten bauten die verschwiegenen Brüder aus dem kanadischen Toronto das Unternehmensimperium Olympia & York Developments Ltd. auf, die größte Immobilien-Holdingfirma der Welt. Niemand außer den Reichmanns hatte eine klare Übersicht über die abgeschottete, wirr verschachtelte und auf zwei Kontinenten operierende Gesellschaft. Am kommenden Montag aber müssen die Brüder ihre Firmenbücher erstmals auch für die Außenwelt öffnen: Olympia & York steht am Rande des Bankrotts. Hohe Schulden, absackende Miet- und Grundstückspreise sowie eine ganze Reihe zweifelhafter Investitionen haben den Unternehmenskoloß aus Kanada ins Wanken gebracht.

Bis zu zwanzig Milliarden Dollar, fast soviel wie das jährliche Bruttosozialprodukt des Ölstaates Libyen, soll Olympia & York seinen Banken schulden. Schon seit Monaten waren in Finanzkreisen die Gerüchte darüber umgelaufen, daß es den Reichmanns an Geld mangelt. Erst Ende März aber beendeten die Brüder ihre lang geübte Geheimniskrämerei mit einer peinlichen Enthüllung. Das Unternehmen, so teilten sie mit, befinde sich in einer "Liquiditätskrise".

Im Klartext: Olympia & York hat nicht genügend Bargeld in der Kasse, um all jene Schulden termingerecht zurückzuzahlen, die der Konzern für Grundstücks-, Immobilien- und Stadtentwicklungsprojekte aufnahm. Die nervös werdenden Banken haben die Reichmanns deshalb jetzt dazu gezwungen, ihre über Jahre streng gehüteten Finanzen offenzulegen und den Gläubigern einen Überblick über die tatsächliche Lage des Unternehmens zu verschaffen. Nächste Woche werden zwischen dem größten Immobilienhändler der Welt und seinen Kreditgebern die umfangreichsten privaten Umschuldungsverhandlungen in der Finanzgeschichte beginnen. An ihrem Ende dürfte das Reichmann-Imperium nicht nur seine frühere Größe, sondern auch seinen alten Glanz verloren haben.

"Ein ganz dicker Fall, an dem noch Jahre zu knabbern sein wird", nennt ein New Yorker Bankier mit intimen Kenntnissen über Olympia & York die Krise im Haus der kanadischen Grundstückstycoone. Einmal mehr ist sie ein Zeichen für den weltweiten Tumult im Geschäft mit Immobilien Allein in Nordamerika besitzt Olympia & York knapp vier Millionen Quadratmeter Bürofläche. Sie sollen in den vergangenen 24 Monaten rund zwei Fünftel an Wert verloren haben.

Noch schlimmer ist die Lage offenbar in London, wo die Firma den gigantischen Bürokomplex Canary Wharf baut. Auf dem fast 300 000 Quadratmeter großen Grundstück, dessen Bebauung kaum zur Hälfte fertig ist, stehen vierzig Prozent der Büros leer. London wird von der schlimmsten Immobilienkrise seit vierzig Jahren heimgesucht.