Protektionismus ist wie Doping: Alle sind dagegen, aber jeder tut es. Amerikaner, Japaner und Europäer, die so beharrlich die frohe Botschaft des Freihandels unter die Völker dieser Welt tragen, gehen notfalls rigoros gegen unbequeme Importeure vor, und zwar meist dann, wenn die Betroffenen sich nicht wehren können.

Das ist ärgerlich – aber das war schon immer so. Neu und gefährlich für die westlichen Industrienationen dagegen wird es, wenn ihre unterprivilegierten Handelspartner in eine explosive Lage geraten. Und genau dies passiert heute: Osteuropa und die ehemalige Sowjetunion stehen nach dem Ende des Kommunismus am Rande von Massenarmut, Chaos und unkontrollierter Auswanderung. Die Katastrophe kann nur abgewendet werden, wenn die postkommunistischen Staaten das Geld für den Wiederaufbau im Export verdienen können. Genau dort jedoch, wo Osteuropäer unter Umständen Vorteile hätten, schotten sich die Industrieländer besonders stark ab: Textilien, Stahl, Landwirtschaft.

Das Pariser Institut für politische Studien hat nun ausgerechnet, wie sehr der Protektionismus die Osteuropäer schädigt: Polen, Ungarn und die ČSFR sehen sich bei ihren Agrarexporten in die EG einer effektiven Zollschranke von etwa hundert Prozent gegenüber. Quoten und Abgaben verdoppeln also die Preise der Waren und machen sie so meist unverkäuflich. Bei Textilien liegt die Zollschranke in der EG zwischen vierzig und sechzig Prozent, in den Vereinigten Staaten zwischen zehn und achtzig Prozent. Obwohl die drei Reformländer mit der EG einen Assoziierungsvertrag haben, werden die Zollbarrieren in den kommenden fünf Jahren kaum abgebaut. Dabei würde vollständiger Freihandel mit Osteuropa die Produktion in den konkurrierenden Westindustrien um höchstens zwei bis vier Prozent verringern. Es wäre also sogar äußerst billig, die Heuchelei aufzugeben – und der Ertrag wäre immens. pp