Von Heinz-Günter Kemmer

Wenn Ingo Schwarz über die Tankstellen seiner Gesellschaft in den neuen Bundesländern spricht, tritt Glanz in seine Augen. Der im BP-Vorstand für den Absatz zuständige Schwarz schwärmt von modernsten Anlagen in guten Lagen, die es auf Zapfleistungen von täglich 35 000 Litern bringen – dreimal soviel wie im Westen der Republik – und bei denen die Waschanlagen kaum einmal stillstehen.

Bei so viel Enthusiasmus verwundert es nicht, daß die Deutsche BP mit Volldampf am Ausbau ihres Netzes im Osten arbeitet: 17 Stationen betrieb sie Ende 1991, 25 sollen in diesem Jahr dazukommen. Mittelfristig steckt BP eine halbe Milliarde Mark in das neue Ostnetz, aber das Geld ist gut angelegt: Zu der blendenden Auslastung der Anlagen gesellt sich ein im Vergleich zum Westen deutlich höheres Preisniveau, das den Mineralölgesellschaften über die Mehrkosten bei der Belieferung ihrer Stationen hinweghilft.

Aber obwohl das Geld im Osten auf der Straße liegt, will sich BP beim Aufheben bescheiden. Man strebe, so der Vorstandsvorsitzende Peter Bettermann, in den neuen Ländern den gleichen Marktanteil an wie in den alten. Da ist BP mit rund neun Prozent die kleinste unter den fünf Großen – eigentlich Anlaß genug, im Osten etwas hinzuzugewinnen. Der Frage, warum man das nicht anstrebe, weicht Bettermann aus. Sein Unternehmen setze auf Qualität und nicht auf Quantität. Wobei er wohl selbst nicht glauben kann, daß ein Prozentpünktchen mehr Marktanteile die Güte seines Netzes beeinträchtigen würde.

Mit seiner neuen Bescheidenheit steht der BP-Chef nicht allein. Auch bei Aral oder Shell, Esso oder Dea gibt es die gleiche Antwort: Wir wollen im Osten soviel Marktanteile haben wie im Westen. Selbst die Conoco, die den Liter Sprit an ihren Jet-Stationen stets einen Pfennig billiger verkauft als ihre großen Wettbewerber, will es bei fünf Prozent belassen. Wenigstens dafür gibt es einen vernünftigen Grund: Solange die Conoco diesen Anteil hält, toleriere die Konkurrenz die Preisunterbietung, die Conoco den höchsten Durchschnittsabsatz je Tankstelle sichert.

Was man bei der Conoco offen ausspricht, wird bei den anderen Unternehmen möglicherweise nur gedacht: Wenn keiner versucht, den anderen auf dem neuen Terrain Marktanteile abzujagen, hält sich der Wettbewerb in Grenzen. Dann kann die Einheitsernte gemeinsam eingefahren werden. Vorerst tun sich die Ölgesellschaften im Osten ohnehin noch nicht weh. Jede neue Station findet ihre Kunden. Schließlich gab es in den neuen Ländern nach Ermittlungen des Erdöl-Informationsdienstes Ende vergangenen Jahres nur 1206 Tankstellen, im Westen dagegen 17 692. Diese Differenz wird auch durch die geringere Bevölkerungszahl und den Minderverbrauch je Kopf nicht wettgemacht. Eine Westtankstelle verkauft im Jahresdurchschnitt 2,4 Millionen Liter Kraftstoff, eine Station im Osten dagegen mehr als sechs Millionen Liter. Selbst die oft etwas mitleidig angesehenen Minol-Pumpen bringen es trotz der völligen Überalterung des Netzes auf einen Durchschnitt von mehr als vier Millionen Litern.

Doch der Minol wollen die Westkonzerne an den Kragen. Bisher konnten alle Konkurrenten aus dem vollen schöpfen, weil der Kraftstoffverbrauch in den neuen Ländern stürmisch stieg – von 6,3 Millionen Tonnen im Jahre 1989 auf 8,4 Millionen Tonnen 1990. Aber allmählich muß der einstige DDR-Monopolist nicht nur beim Marktanteil, sondern auch bei der absoluten Menge Federn lassen. Längst hat sie sich denn auch damit abgefunden, daß sie allenfalls einen Marktanteil von 25 Prozent halten kann.