Betroffenheit ist das Wort der Stunde, und was es auch betrifft, ob Autounfälle, Flugzeugabstürze, Hungersnöte, Leichenberge, Zusammenbrüche, es scheint sich nie ganz festlegen zu wollen, kerbt keine Mienen zu Falter und drückt nur unmerklich auf die Stimmen von Ansagern, Kommentatoren und Politikern. Die Gelegenheit, wieder der Betroffenheit das Wort zu reden, ergibt sich beinahe täglich, Betroffenheit stoppt die Zudringlinge Entsetzen, Trauer, Verzweiflung, wirkt schonender, führt Ernstes mit sich, deutet Tragisches an, kommt um Schmerzliches nicht herum und hindert selten am Essen, Trinken, Fummeln und Rülpsen.

Der Alltag ist wortbildend, Sprache paßt sich den Verhältnissen an, lügt selten oder gar nicht. Doch Betroffenheit, dieses Gewohnheitswort, benutzt die Straße nicht, es zieht sich in die gute Stube zurück, läßt weder Schreie, Tränen noch Zittern zu und leistet somit unserem ohnehin immer verwundbarerem Gemüt geradezu einen Liebesdienst. Da jedoch sowieso alles ernster, gefährlicher, hoffnungsloser wird, greift die tiefe, oft beliebige persönliche Betroffenheit weiter um sich, macht Partygespräche attraktiver und ermuntert geschäftstüchtige Psychologen zum Scharwenzeln.

Betroffenheit verstellt den Weg zum entschiedenen Wort, dient zunehmend als mehr oder weniger diskreter Hinweis zur Selbstbeschwichtigung und hat erfreulichere Ausblicke tunlichst gleich in der Hinterhand.