Von Frank Thomsen

Wozu brauchen Hilfstransporter in Kroatien Gewehrhalterungen auf dem Dach? Die Zollbeamten am bayrisch-österreichischen Grenzübergang Bad Reichenhall fanden in der vergangenen Woche schnell eine Antwort: um als kriegstaugliche Kübelwagen im kroatischen Bürgerkrieg eingesetzt werden zu können. Als sie daraufhin 34 Lkw der ehemaligen Nationalen Volksarmee (NVA) sicherstellten, geriet für einen Tag ein Unternehmen in die Schlagzeilen, das sonst lieber im stillen operiert: die Verwertungsgesellschaft bundeseigener Güter in Frankfurt am Main, kurz Vebeg. Die Fahrzeuge der Marke Robur stammten nämlich aus dem Verkauf von insgesamt 1500 Lkw dieser Art durch die Vebeg an verschiedene Zwischenhändler.

Der Deal mit Militärfahrzeugen gehört für das mehrheitlich bundeseigene Unternehmen zum täglichen Geschäft. Seit 1951 verkauft die Vebeg ausgemusterte Waren aus Armeebeständen und anderen öffentlich-rechtlichen Institutionen wie Ministerien, Behörden oder Katastrophenschutz. Dreimal wöchentlich informiert die Vebeg im Bundesausschreibungsblatt über das aktuelle Angebot. Interessenten, egal ob Unternehmen, Händler oder Privatleute, können ein schriftliches Gebot abgeben; das höchste Angebot erhält den Zuschlag. Das Angebot im „Supermarkt der Gelegenheiten“, wie die Vebeg sich selbst bezeichnet, reicht vom Geländewagen über Hubschrauber und Schnellboote bis hin zu gebrauchten Unterhosen und Schutzmasken. Dazu kommt ein beträchtliches Kontingent an Rohstoffen und Recyclingmaterial. Vor allem bei Textilien müssen Kaufinteressenten meist en gros kaufen: etwa 4600 Kilogramm Schlafanzüge, 825 Schlafsäcke oder 30 000 Feldjacken. Als Käufer treten daher vorwiegend Händler auf, die ihre Ware weiterverkaufen: Klappspaten und Abschleppseil als Billig-Auto-Set an Supermärkte; Textilien an Entwicklungsländer – oder eben Lkw als „Hilfstransporter“ nach Kroatien.

Seit der Wiedervereinigung läuft das Secondhand-Geschäft mit Militärgütern wie geschmiert. Der oft zitierte „Ausverkauf der DDR“ – hier wird er Wirklichkeit: Die Vebeg verkauft im Auftrag der Bundeswehr einen Teil der Überreste der Nationalen Volksarmee. Das gesamte NVA-Material wird von der Bundeswehr in drei Kategorien aufgeteilt: „dauernde Nutzung“, „vorübergehende Nutzung“ und „Nutzung ist ausgeschlossen“. Die meisten Güter, für die die Bundeswehr keine Verwendung mehr hat – etwa weil sie veraltet sind oder weil es nicht zum „Corporate Design“ der deutschen Armee passen –, werden der Vebeg zur Verwertung übergeben. Mit einer Ausnahme: „Waffen werden nicht versteigert“, erklärt ein Sprecher des Verteidigungsministeriums. Alle Geräte, die unter das Kriegswaffenkontrollgesetz fallen und intakt verkauft werden sollen, würden nicht über die Vebeg laufen.

Das Verwertungsunternehmen selbst reagiert in diesem heiklen Bereich sehr sensibel – aus gutem Grund: Lange Zeit galt die Vebeg als quasi-offizieller staatlicher Waffenhändler. Immerhin bis Ende der sechziger Jahre, so schreibt Heinz Vielain in seinem Buch „Waffenschmuggel im Staatsauftrag“, lief eine große Zahl illegaler deutscher Waffenexporte über die Frankfurter Bundesfirma. Auf Weisung des Verteidigungsministeriums verkaufte sie Waffen aller Art an das Exportunternehmen Merex des Bonner Waffenhändlers Gerhard Mertins. Die Merex lieferte die Waffen nach Saudi-Arabien oder Pakistan. Erst der damalige Verteidigungsminister Helmut Schmidt beendete diese Praxis: Er ordnete an, daß intakte Waffen künftig direkt von der Bundesregierung verkauft werden. Die Vebeg dagegen darf seither nur noch Waffenschrott oder anderes Gerät, das nicht unter das Kriegswaffenkontrollgesetz fällt, an jedermann verramschen.

Dank der Wiedervereinigung hat die Vebeg damit alle Hände voll zu tun. Die Auflösung der NVA bescherte der Vebeg einen riesigen Umsatzsprung von 75 Millionen Mark im Jahre 1990 auf 121 Millionen im vergangenen Jahr. Die goldenen Zeiten scheinen von Dauer zu sein. Bis Ende 1993 soll der größte Teil der NVA-Güter verwertet werden, „und dann kommt noch die Abrüstung hinzu“, betont Geschäftsführer Hans-Joachim Dunin von Przychowski. Die Einnahmen aus dem Verkauf der NVA-Güter kommen dem notleidenden Bundeshaushalt zugute. Von Przychowski: „Alle Erlöse gehen an die Auftraggeber, wir erhalten lediglich eine Kostenerstattung.“ So konnte das Unternehmen im vergangenen Jahr 28 Millionen Mark aus NVA-Verkäufen nach Bonn überweisen.

Unterm Strich bleibt dem Bund bei der Abwicklung der NVA gleichwohl ein Minus. Allein die Vernichtung von 30 Tonnen NVA-Munition über die Treuag, einem eigens gegründeten Tochterunternehmen der Vebeg, verschlang im vergangenen Jahr 135 Millionen Mark. Und noch immer warten weitere 150 Tonnen Patronen und Granaten auf ihre Vernichtung. Darüber hinaus stehen große Mengen militärischen Geräts – darunter auch Panzer und Kriegsschiffe – zur Verschrottung an.