Von Robert W. Benson

LOS ANGELES. – Es gibt eine Insel in der Karibik, auf der man sich in bestimmten Augenblicken in „Ökotopia“ wähnt. So heißt Ernest Callenbachs Roman über eine ökologische und egalitäre Zukunftsgesellschaft.

Nur wenige Autos fahren durch die Straßen; Smog ist ein Fremdwort; man sieht keine Graffiti oder Werbeplakate. Die Straßen sind sauber, Abfalltonnen werden geleert, das Recycling funktioniert, nichts wird verschwendet: Der Lastwagen, der das Hotel mit Gemüse beliefert, entsorgt auch den Abfall vom Vortag. Die Energie wird durch Windkraft gewonnen und durch Biogas-Anlagen.

Die Insel versorgt sich selber. Es existiert keine Unterklasse notleidender Menschen, niemand bettelt um Nahrung oder muß auf der Straße schlafen, man begegnet keinen barfüßigen Kindern, deren Bäuche durch Unterernährung aufgebläht sind. Die Kindersterblichkeit ist viel niedriger als in amerikanischen Städten. Jeder Bürger hat Anspruch auf kostenlose Gesundheitsversorgung, und es gibt, gemessen an der Einwohnerzahl, mehr Ärzte als sonstwo auf der Welt.

Frauen können übereine Abtreibung selber entscheiden und bekommen achtzehn Wochen bezahlten Mutterschaftsurlaub. Sie stellen 56 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung. Die Zahl der Ärztinnen und Richterinnen ist höher als die ihrer männlichen Kollegen. Ein Großteil der Stadtbezirke verfügt über kostenlose Tagesstätten und Vorschulen. Auch der Besuch von Schulen und Universitäten ist umsonst. Kein Wunder, daß 98 Prozent der Bevölkerung lesen und schreiben können.

Diese Insel heißt Kuba.

Im Januar unternahm ich mit fünf Jurastudenten eine Reise durch das Land – auf eigene Faust, ohne offizielle Einladung. Wir sprachen mit Regierungsvertretern, Menschen auf der Straße und den vielen Anhaltern, die wir während unserer 700 Kilometer langen Fahrt durch Castros Reich mitnahmen. Wir konnten uns absolut frei und ohne „Führer“ bewegen.