Von Ralf-Peter Märtin

Harry singt gern, aber singen hören will ihn keiner. Mit vierzehn aus dem Schulchor zur Erleichterung seines Musiklehrers entlassen, hat er nie wieder eine sängerische Heimat gefunden. Sein letzter Versuch datiert aus dem Jahre 1986, als er mit Hilfe auswendig gelernter Folksongs in einem irischen Pub seine Stimme hob – flugs tranken selbst die toleranten Iren ihr Guinness aus und suchten das Weite.

Aber Harry gibt nicht auf. Am Telephon liest er mir das Programm eines Wochenendseminars vor: „Kontemplatives Schweigen, Singen der altkirchlichen Stundengebete und Erarbeiten des Gregorianischen Gesangs“ – und, triumphierend klingt es aus dem Hörer, „Vorkenntnisse sind nicht erforderlich!“ Ich kenne Harry. Wiewohl aus der Kirche längst ausgetreten, hat er sich einen stillen Hang zum Gemeindegesang bewahrt, immerhin waren die Gotteshäuser der einzige Ort, wo er ungestraft sowohl laut als auch falsch singen durfte. Die einfachen Formen der Gregorianik hält Harry für die rettende Planke im Meer der von ihm nicht beherrschten Sangeskünste. Keine Vorkenntnisse erforderlich. Wir fahren hin.

Die Evangelische Akademie Loccum nimmt Uns gastfreundlich auf. Hier und im nahe gelegenen Kloster, 1163 von Zisterziensern gegründet, findet der Kurs statt. Die Zimmer gleichen eher Zellen, sind karg, aber praktisch möbliert, Bett, Stuhl, Schreibtisch, Waschbecken. Von der Dachluke aus sieht man die frühgotische Klosterkirche: wie es sich bei einem asketischen Reformorden gehört, ohne Turm, nur durch einen Dachreiter geschmückt.

Um sechzehn Uhr versammeln sich die Teilnehmer. Neun Männer, zwölf Frauen. Ein hervorragendes Geschlechterverhältnis, klärt uns Kirchenmusiker Possler, ein Barockengel in Jesuslatschen, auf, der uns die Gregorianischen Gesänge beibringen soll. Damit sei eine Teilung in Frauen- und Männerchor möglich.

Das Programm von archaischer Strenge wird uns von sieben Uhr morgens bis elf Uhr abends beschäftigen. Dem klösterlichen Tagesablauf nachempfunden, werden wir es auf immerhin vier der sieben vorgeschriebenen Stundengebete bringen, unterbrochen von gleichfalls vier kontemplativen Sitzungen. Beim Essen wird nicht gesprochen. Warum tun sich Menschen das freiwillig an? Die Vorstellungsrunde beschränkt sich auf das Unumgängliche, die Namen, sparsam äußert man Weniges zur Motivation: Freude am Gesang, sich sammeln vor den Festtagen, schweigen dürfen.

Possler, der sich im Verlauf des Kurses als begnadeter Musikpädagoge erweist, kommandiert uns zu ersten Lockerungsübungen. Ob nun der Gregorianische Choral, bis auf den heutigen Tag die Grundlage des Kirchengesangs, wirklich auf Papst Gregor I. (590 bis 604) zurückgeht, bleibt als letztlich theoretische Frage offen (höchstwahrscheinlich nicht). Possler konzentriert sich vielmehr darauf, uns so schnell wie möglich zu einem wie auch immer tönenden Klangkörper zusammenzuschmieden, erklärt uns knapp und prägnant, was Neumen sind (mittelalterliche Notenhilfszeichen vor der Erfindung der Notenschrift), wie ein Antiphon funktioniert und warum die Noten eckig statt rund sind. Prinzip bleibt, daß sich alles Gelernte sofort in Töne umzusetzen hat. Ständig übend – Possler singt vor, wir nach – werden Erfolgserlebnisse produziert, kommen weder Frust noch Langeweile auf.