Eine Feministin sei einfach eine Frau, die nicht wie eine Magd behandelt werden wolle, hat Angela Carter einmal bemerkt und dann hinzugefügt: Ihr selber sei das übrigens kaum jemals widerfahren.

So ähnlich dachte schon die 1897 in Wien geborene Veza Calderon. Da ihr jene Behandlung aber durchaus widerfahren war, wählte sie als Autorin von Erzählungen, die in der Wiener Arbeiter-Zeitung erschienen, mit programmatischem Trotz das Pseudonym „Veza Magd“. Im Jahr 1934, in dem sie a) zum letztenmal eine Geschichte publizierte und b) einen gewissen Elias Canetti ehelichte (dessen erstes Werk „Die Blendung“ dann 1935 erschien), emanzipierte sie sich gar ironisch und zeichnete als „Veronika Knecht“.

Die Klage war wohl zu subtil; sie drang nicht durch die Fackel im Ohr des Lebensgefährten. Als er sich 1989 entschloß, erstmals eine Buchveröffentlichung aus dem Nachlaß der 1963 Gestorbenen zu erlauben, deutete Elias Canetti in seinem Vorwort zu Vezas Roman „Die gelbe Straße“ das zornige Pseudonym tatsächlich immer noch als Demutszeichen: „Es stand für Hingabe in jeder Form: für den Geliebten, für Schutzbefohlene, aber auch für solche, die durch ihre Geburt oder durch die Niedertracht anderer benachteiligt waren.“

Das klingt, angesichts der nun endlich gesammelt vorliegenden Erzählungen Veza Canettis, nicht nach präziser Lektüre, sondern nach sentimentaler Umdeutung und Verdrängung. Gewiß, die Geschichten handeln von dienenden Geschöpfen. In „Geduld bringt Rosen“ wird der dumme, ehrliche Bürobote Mäusle samt seiner darbenden Familie durch einen skrupellosen jungen Lebemann ruiniert, der Spielschulden mit Lohngeldern begleicht; in „Der Sieger“ scheitert die aufstrebende Anna, die ihre Geschwister miternährt – „Es ist nicht immer ein Bild wie um Werthers Lotte, wenn hungrige Kinder um die Schwester stehen und auf Brot warten“ –, weil sie nicht obendrein noch erotische Reize kultivieren kann, wie es der Patron erwartet. In „Der Neue“ schließlich wird der wandlungsfähige Zeitungsverkäufer Seidler, vormals in einem Juweliergeschäft angestellt, von Konkurrenten als Schmuckdieb denunziert, obwohl er sich nur mangelnden Sinn für Statussymbole hat zuschulden kommen lassen: „Seidler verstand es nicht, einem Käufer ein Schmuckstück einzureden, weil er den Wert eines Schmuckstückes nicht verstand. Ihm schien das ganze Gebaren lächerlich, der Damen, die stundenlang über einem Glassplitter geneigt waren und sie mit Lupen untersuchten, der Chefs, die vor solchen Damen Kratzfüße machten und ihre sonstige Würde vergaßen, und er selbst war sich lächerlich, der so tat, als wäre dies alles wichtig.“

Man muß schon einem Madonnenwahn verfallen sein, um dieser Autorin „Bewunderung“ für Opfer und Hilflose nachzusagen, wie Elias Canetti dies tut. Vielmehr erzählt Veza Canetti mit klirrendem Sarkasmus komische Lehrgeschichten über den unterlassenen Klassenkampf. Er unterbleibt nach ihrer impliziten Theorie, weil die Proletarier weit bessere Bürger sind als die – korrupten, geilen – Bürger selbst. Zu Opfern werden Knechte und Mägde für die Erzählerin aufgrund von mustergültig einverleibten bourgeoisen Tugenden: noblem Arbeitseifer, kaufmännischer Ehrlichkeit, Diskretion bis zur Selbstschädigung. Sonderbar, daß die Leser der Arbeiter-Zeitung Veza Magd nicht des Zynismus und Verrats geziehen haben.

Die beiläufige, böse Eleganz ihrer Geschichten ist ersichtlich das Ergebnis zäher und selbstkritischer Arbeit; Veza Calderon-Canetti-Magd war keine Dilettantin, die sich gelegentlich ein Nadelgeld erschrieb. „Es ist unnatürlich, daß heute über Vezas Schreiben nichts bekannt ist“, bemerkt 26 Jahre nach ihrem Tod Elias Canetti (der in seiner Autobiographie mit keiner Zeile erwähnt, daß sie Schriftstellerin war) und streut ihr späte Rosen: Er habe sie auf jede Weise ermuntert, gelobt, „was sie mir zeigte“, und gegen sie verteidigt, er habe ihr von ihrem Tod an die eigenen Bücher gewidmet, um so „das überwältigende Maß an Dankbarkeit“ auszudrücken, das er ihr schulde.

Er schob jedoch auch ein Zweiglein Stinkkraut zwischen die Rosen: „Nur wenn es um spanische Gegenstände ging, für die sie eine Art von konstitutioneller Schwäche hatte, ließ sie sich ungescheut gehen und trug Gefühlsfarben auf, die sie sich sonst nie erlaubt hätte.“ Dies zielt offenkundig auf die in einem Märchen-Sevilla spielende Erzählung „Der Seher“; die zu Lebzeiten der Autorin prompt ungedruckt blieb. Sie unternimmt darin immerhin das erzähltechnisch interessante Experiment, sich ganz auf die Wahrnehmungsmöglichkeiten eines Blinden zu beschränken. Beunruhigte es Elias Canetti, daß Veza begann, eigene, ihm fremde Mikrokosmen zu erfinden, in denen es sinnlich-heiter und gerecht zuging? Mißfiel ihm, daß sie einen blinden Bettler weise urteilen ließ? In seinen „Stimmen von Marrakesch“ gibt es Anzeichen dafür, daß ihn das archaische Motiv beschäftigte.