Als Heinrich Böll 1954 zum erstenmal nach Achill Island kam“, erzählt Mrs. King, eine schöne, wohlfrisierte alte Dame in einem grauen Ensemble und mit einem bunten Seidenschal, „da war er wirklich sehr arm.“ Was Mrs. King damals für den Dichter getan hat, verrät sie nicht, aber in Bölls „Irischem Tagebuch“ erscheint sie als die junge Arztfrau, die nachts whiskeytrinkend und zeitunglesend auf die Heimkehr ihres Mannes von einer Entbindung wartet. „Ah, nein, einen Kupferkessel der Armada hat er nie als Honorar erhalten; das hat Heinrich sich nur ausgedacht. Sehr poetisch, nicht wahr?“ Heinrich sei ein wunderbarer Mensch gewesen, sagt Mrs. King, von allen auf der Insel sehr geschätzt, und heute gehe für sie ein Traum in Erfüllung: die Schlüsselweitergabe von Bölls Cottage in Dugort an einen anderen Poeten. Das Haus, schon in den letzten Lebensjahren des Autors wenig genutzt – ein Trakt ist feucht, durchziehende Besucher stahlen alles, was nicht niet- und nagelfest war, der Schreibtisch verrottete –, soll endlich wieder Leben sehen.

Mrs. King ist Mitglied einer kleinen, exklusiven Bürgerinitiative auf Achill Island, die mit dem deutschen Pendant, bestehend aus dem Sohn René und der Böll-Stiftung, einen Verein gegründet hat, der das Cottage als Domizil für Schriftsteller und bildende Künstler geöffnet hat (wobei die irische Seite einen ungleich entschlosseneren und besser organisierten Eindruck hinterläßt).

Hier, zwischen Moor und Meer, sollen die Künstler für einige Wochen oder Monate Ruhe, Abgeschiedenheit und ein kleines Arbeitsstipendium vorfinden – drei unerläßliche Elemente zur Beförderung des work in progress. Von den Bergen zieht der Regen in Wolkenstores, doch wenn die Sonne hervorbricht, glitzert das Grün wie am ersten Tag, und die Rotkehlchen singen leidenschaftlich in den Sanddornhecken.

Zusammen mit dem deutschen Botschafter, der die Gäste in makellosem Gälisch begrüßt („Freunde und Edle“), drücken sich Herren vom Goethe-Institut in Dublin und zahlreiche Nachbarn aus Achill in der schmalen Küche, dem kleinen Wohnzimmer und dem spartanischen Arbeitsraum an die Wände. Der Friseur aus Keel ist da, der den Böll-Kindern die Haare geschnitten hat, Mr. Levelle von der Tankstelle, Frau Fuchs, die Ziegenmilch und frische Eier an die Tür stellen will – und natürlich der erste Stipendiat und Nachmieter, Macdara Woods, ein Dichter aus Dublin. Er hat sich für die kommenden Wochen einen wasserdichten Mantel (der heilige Macdara schützt vor Ertrinken), einen Stapel weißes Papier, seine alte Woodstock-Schreibmaschine und viele, viele Musikkassetten mitgebracht. Achill, sagt er, sei wunderbar zum Spazierengehen und zum Dichten. Beim Ausschreiten fielen ihm, Nachkomme fahrenden Volks, die Verse von selber zu. Gekommen ist auch Tom LaBlanc aus den USA, Sioux und Poet, der in Europa Furore gegen den Uranabbau in Indianerland zu machen hofft. Er zieht im Sommer ein.

„You are very welcome“ flüstert René Böll Macdara Woods zu und öffnet die rote Eingangstür – dreimal für das irische Fernsehen. René Böll hat sich vorbehalten, das Cottage sechs Monate im Jahr privat zu nutzen.

Als Heinrich Böll mit Familie Mitte der Fünfziger zum erstenmal in den wilden Westen Irlands reiste, war er nicht nur arm und auf seine Nachbarn angewiesen, er versuchte auch, den Schrecken des Nachkriegsdeutschlands zu entkommen. Sohn René, damals sieben Jahre alt und im zerbombten Köln aufgewachsen, betrat ein Land, in dem alles heil und freundlich schien. Kein literarisches Werk hat das Bild der Deutschen von den Iren als den liebenswerten, kinderreichen, katholischen Käuzen nachhaltiger geprägt als das „Irische Tagebuch“ seines Vaters.

Seitdem ist viel Wasser nach Keem Bay hineingetobt. „Es gibt dieses Irland: wer aber hinfährt und es nicht findet, hat keine Ersatzansprüche an den Autor“, hatte Böll klug auf das Vorsatzblatt geschrieben. Inzwischen ist das „Skelett einer menschlichen Siedlung“ am Abhang des Slievemore Mountain – ein Dorf, das während der Hungersnöte vor 150 Jahren aufgegeben wurde – ganz in sich zusammengesunken, eingebettet in nasse, moosige Schafweide. Das Kino, in dem Böll die gelassene Handhabung der Zeit kontemplierte, ist abgerissen. Die beschaulichen Gespräche und das fröhliche Zechen sind dem ernsthaften Niedermachen zahlloser pints gewichen; in jeder Kneipenecke kräht ein Fernsehapparat – niemand schaut hin, und keiner versteht sein eigenes Wort.

Überlebt haben Witz, Enthusiasmus und Spendierbereitschaft. Der Grafschaftsrat von Mayo überreicht einen Scheck über dreitausend Punt. Genug, um den Künstlern einen anständigen Schreibtisch hinzustellen. Elsemarie Maletzke