Reden im Bundestag – sie spiegeln Geschichte und Geschichten der Bundesrepublik. In den nächsten Wochen wollen wir an dieser Stelle in – notgedrungen knappen – Auszügen Bundestagsreden in Erinnerung rufen, die etwas über den Geist der Jahre aussagen, in denen sie gehalten wurden. Prominenz soll dabei keine Rolle spielen. Manch einer aus den mittleren oder hinteren Bänken ist ja mit seinen Beiträgen repräsentativer als der „Redeadel“ – wie der spöttische Frust jene nennt, die kraft Amtes und Stellung immer reden dürfen.

Der erste, der in der kommenden Woche zu Wort kommen soll, zählt zu den inzwischen fast völlig Vergessenen. Hans-Joachim von Merkatz hat der Bundestagsfraktion der Deutschen Partei vorgesessen und in frühen Bundesregierungen verschiedene Ministerien geleitet. Wie seine Partei, die schließlich in der CDU aufging, hat er wenig Spuren hinterlassen. Doch die Rede, die er im September 1949 hielt, im ersten Jahr des Bonner Parlaments, ist ein Dokument der Zeit.

Heute wiedergelesen, erscheint ihr Pathos höchst merkwürdig. Aber dieses Pathos war ein Grundton der frühen Jahre, manchmal, wie etwa bei Theodor Heuss, dem ersten Bundespräsidenten, noch herübergebracht aus der Weimarer Zeit. Als wolle sie sich trotz allen Elends der Nachkriegsjahre feierlich des Moments vergewissern, in dem Deutschland einen neuen Anlauf zu Demokratie und politischer Zivilisation begann, wirkt die Sprache jener Jahre ergriffen, altmodisch, auch sentimental, spricht der Redner, als sei er von dem hehren Augenblick überwältigt und erhoben.

Hans-Joachim von Merkatz war es, und nicht nur er. Um so mehr hob sich davon die knochentrockene Diktion und schlichte lineare Logik des ersten Bundeskanzlers Konrad Adenauer ab, dem die vielen intellektuellen Kritiker ohnehin nur einen Wortschatz von 2000 Vokabeln zubilligen mochten. Der alte Herr vermied damit aber auch die uns heute fast nationalistisch klingende Tonart, wie sie Merkatz anschlug.

Womit dieser übrigens nicht allein stand. Seine Deutsche Partei war auf der rechten Seite des damaligen Parteienspektrums angesiedelt. Doch beinahe nationalistisch anmutende Töne finden sich zum Beispiel auch bei dem Sozialdemokraten Erik Nölting. Wie Nölting gegen die Reparationen und die Siegermächte zu Felde zog, das läßt uns heute zusammenzucken.

Aber einmal abgesehen davon, daß die SPD unter ihrem ersten Nachkriegsvorsitzenden Kurt Schumacher zumal in Sachen deutsche Einheit eine strikt nationale Partei war, spiegelt Nöltings Rede viel von den oft geradezu trotzigen Bemühungen um ein neues Selbstbewußtsein wider, mit denen sich die Nation nach der entsetzlichen Selbstdemütigung durch die braune Gewaltherrschaft aufzuhelfen versuchte.

Zwischen Arbeits- und Redeparlament pendelnd, ist sich der Bundestag selber schon seit geraumer Zeit nicht mehr sicher, ob er, wie es in der gehobenen Staatsbürgerkunde heißt, noch ein „Forum der Nation“ ist. Tatsächlich verschwindet sein Profil oft hinter Petitessen, so wichtig sie für die siebente Novelle zum Bundeswasserstraßenrecht sein mögen. Und wahr ist auch, daß die Parlamente der ersten Legislaturperioden trotz ihrer Parteienvielfalt und des daraus entspringenden vielstimmigen Palavers geschlossener und eindrucksvoller wirken. Aber das ist nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, daß damals viele Grundsatzentscheidungen über die Politik des neuen Staatswesens zu treffen waren.