ZDF, donnerstags: „Der Querkopf von Kirchbrunn“

Der Charme der kleinen Vorabendserie ist im großen lauten Fernsehwesen ein flüchtiges und rares Phänomen. Da man in ihn nur wenig investiert und auch sonst ihn kaum auf der Rechnung hat, kommt er manchmal zustande.

Es lassen sich zwei Gruppen von Vorabendserien unterscheiden. Eimmal die „Hotel-Paradies“-Variante, die den Glotzer im Exklusiv-Milieu der Betuchten und Verruchten Gast sein läßt. Gegen das Gelingen solcher Exkursionen sprechen die synthetische Affektiertheit der Großen Welt und die ranzige Langeweile, die das Geld verströmt, wenn es vorhanden ist. Die zweite Variante wäre eine Milieustudie à la „Lindenstraße“ – da schlägt das Schicksal zu, wie wir es alle kennen und zu vergessen trachten, indem wir zum Beispiel fernsehen. Der Charme der kleinen Vorabendserie ist öfter mal bei diesem Typ dabei – was aber nicht heißen soll, daß er jede Serie ziert, in der die Leute mit niedrigen Löhnen auskommen müssen.

Schwer zu sagen, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit eine Serie diesen bewußten Charme abstrahlt. Leichter zu sagen, was alles nicht sein dürfte... Der Gartenlauben-Mittelstand vom Arzt bis zum Pfarrer ist verbraucht. Randständige Milieus wie Knastbrüder und Landfahrer machen schon eher was her. Und auch Querköpfe haben, scheint es, gute Chancen.

Der Typ, der in Kirchbrunn fast immer dagegen ist und deshalb ein Radio gründet, in dem er seine Einsprüche veröffentlicht, heißt Kaspar („Kaschper“) Enggasser und wird von Robert Giggenbach mit einer bravourösen Mischung aus Grimm und Gemüt, Streitbarkeit und Anteilnahme gespielt. Da hat der Buchhändler Enggasser der Gemeinde ein Grundstück abgelassen und muß mit ansehen, wie statt des avisierten Kindergartens ein Supermarkt sein „Hier wird ... gebaut“-Schild aufstellt. Nicht mit Kaspar! Er hackt das Schild persönlich in Stücke und macht den örtlichen Autoritäten die Hölle heiß. Sein Lehrling Rudi bringt ihn auf die Idee mit dem Radio, und schon hat Kirchbrunn eine stimmkräftige Opposition im Äther und auf seinem idyllischen Grund und Boden eine Menge Zoff.

Nicht alles haut hin in den einzelnen Folgen. Die Nebenhandlung mit Kaspars Freundin Katrin, die einem Presse-Heini auf den Leim und nach München wegzugehen droht, will nicht recht einleuchten. Und daß Rudi jede Folge irgendwo raufklettert und dann runterfällt, ist eine Anleihe beim Slapstick, die nicht in das Genre paßt. Die Mädels schließlich, die sich in Kaspars Radio Isartal drängen, scheinen eher der Selbstüberschätzung von Medienmenschen als dem Leben abgelauscht. Aber immer da, wo der „Querkopf“ seinen Gegnern, den windigen Honoratioren mit ihrem diskreten Schmu und ihrer Händewascherei, entgegentritt und der Gerechtigkeit, „diesem scheuen Reh, das man meistens nur von hinten sieht“, nachsetzt, atmet die Geschichte durchaus einen Hauch jenes Charmes, der den kleinen Vorabendserien manchmal eigen ist.

Zarte Selbstkritik am Mediendauergeräusch spricht auch für den „Querkopf“. Wer pausenlos auf Sendung ist, muß Leerlauf und Gedudel produzieren, und da ist der Enggasser mal wieder dagegen. Wenn’s nichts zu sagen und zu singen gibt, wird „Stille“ gesendet – erkennbar an einem ruhig tickenden Metronom.

Barbara Sichtermann