Von Willi Winkler

Wieder war der Mai ins Land gezogen, und diesmal hatte er den Frieden mitgebracht. Ein älterer Mann im aristokratischen Cape, mit Stöckchen und breitkrempigem Hut, ziegenbärtig und grauhaarig schon, trat vor die amerikanischen Soldaten hin, die sich hier in Rapallo, am Golf von Genua, von den Strapazen des eben gewonnenen Krieges zu erholen gedachten.

Und der ältere Herr setzte an zu einem seiner berüchtigten Vorträge. Weit holte er aus, sprach über das Zinsverbot bei den frühen Christen, sprach über das Unglück des Wuchers, den Ewigen Juden, und wie alles aufs Intrikateste mit allem verwirkt ist, um die Weltwirtschaft und des Menschen Seele zu korrumpieren.

Allein, die GIs verstanden ihn nicht. Und der Prophet, der sein Gesetzchen aufgesagt hatte nach alter Weise, machte kehrt, marschierte durch Rapallo zurück und über einen Feldweg hinauf in ein Dorf über dem Seebad, nach Sant’ Ambrogio, wo er Wohnung genommen hatte unter den Menschen.

Wenige Tage später wurde Ezra Pound von italienischen Partisanen aufgegriffen und der amerikanischen Besatzungsmacht überstellt. Doch erst als der andernorts berühmte Mann in einem Interview den eben dahingeschiedenen Adolf Hitler mit Jeanne d’Arc verglichen, ihn zum Märtyrer und Heiligen verklärt hatte, da wurde ein lang schon bestehender Haftbefehl gegen den Dichter vollstreckt: Hochverrat.

Die siegreichen Amerikaner, seine Landsleute immerhin, steckten den Propheten in einen Hundezwinger und ließen ihn Tag und Nacht mit Scheinwerfern anstrahlen. Dreieinhalb Wochen lang allein mit einem Buch: Konfuzius. Im "Canto LXXXIV", das nach dieser Einzelhaft entstand, lyrische Erinnerungen an die Gefangenschaft: "Unter weißen Wolken, cielo di Pisa/aus all der Schönheit muß etwas hervorgehen ..."

Seit 1924 lebte Ezra Pound im faschistischen Italien, doch erst 1932 war er zu politischem Bewußtsein gelangt. Genug davon jedenfalls, um von 1941 bis 1943 in über 150 Rundfunkansprachen Amerika mit seinen poetischen Gedanken zur Weltkriegslage zu versorgen (Europe callin’ ... Pound speakin’). Keine leichte Aufgabe für den Künstler, doch er meisterte sie bravourös.