Noch ringen die Staaten um einen Kompromiß, der keinen schmerzt

/ Von Christian Wernicke

New York, im April

Vor zwölf Stunden hatte Maurice Strong wieder einmal sein Gottvertrauen unter Beweis gestellt: "Selbst die Bibel ist erst nach langen Verhandlungen geschrieben worden", hatte er die skeptische Frage pariert, ob denn die tiefen Widersprüche und flachen Kompromißformeln in den Beschlußentwürfen für die wohl größte Tagung seit Adam und Eva in Rio überhaupt noch einen Erfolg zuließen. Solcherlei Optimismus braucht man als Generalsekretär der UNCED, der "Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung".

Jetzt aber, um halb fünf Uhr morgens und nach einer Nacht zähen Feilschens um erstrangige Staatsinteressen und allerletzte Kommata, jetzt schlägt Maurice Strong einen anderen Ton an. Während die meisten der 160 Delegationen aus aller Herren Länder übermüdet in den Sesseln hängen, donnert der füllige Uno-Diplomat seinen Appell in den Konferenzsaal: "Wir brauchen mehr politischen Willen, um diese Probleme zu lösen. Denn wir können nicht dulden, daß die Zukunft unseres Planeten in Klammern stehen bleibt!"

Der Planet in Parenthese: Wo immer sich die bald 1200 Regierungsbürokraten im New Yorker Hauptquartier der Vereinten Nationen während der nunmehr vierten und letzten Vorbereitungskonferenz für den "Erdgipfel" nicht einigen konnten, da hinterließen sie Klammern im Text. Ob von Afghanistan oder Zimbabwe – ein Widerspruch genügt, schon ist zum Beispiel die einvernehmlich gewähnte Passage über die so dringliche Erarbeitung nationaler Müllnormen eingeklammert, eingemauert zwischen Quer- und Längsstrichen. Diesmal war Malaysia der Bedenkenträger. Sekunden genügen, um ein Wort, einen Satz als Streitobjekt zu kennzeichnen. Aber es bedarf oft langer Stunden, ja ganzer Tage des politischen Kuhhandels, bevor die Klammern wieder ausradiert werden – wenn überhaupt. "Leg dich quer, dann bist du wer", karikiert ein Sprichwort diesen Preis des Konsensprinzips in den Vereinten Nationen.

"Die Zukunft des Planeten" in Einstimmigkeit sichern zu wollen, das Unterfangen mutet verwegen an. Schon als die Generalversammlung der Vereinten Nationen im Dezember 1989 "Umwelt und Entwicklung" zu den Themen eines gigantischen Politspektakels erhob, haben sich zwei Philosophien gegenübergestanden. Die Industriestaaten wollten zwanzig Jahre nach der Erklärung von