Von Petra Kipphoff

Kein Weg führt an Las Vegas vorbei, wenn man zu Michael Heizer will, zu seiner großen Skulptur „Double Negative“ und der gewaltigen „City“-Anlage. Und keinen größeren Gegensatz gibt es als den zwischen der Hochburg des erbarmungslosen Vergnügens mit dem Bombardement von Lärm und Lichtreklame und der gnadenlosen Stille und Verlassenheit der Mormon Mesa oder des Garden Valley, wo Heizers Skulpturen uralt und fremd zugleich in der leeren Landschaft stehen. Gemeinsam sind hier nur der Wüstensand, der gleich neben der Landebahn des Flughafens von Las Vegas beginnt und nie wieder aufzuhören scheint, und der heiße Wind, der zwischen den eng gestellten Kulissen der Spielcasinos und Hotels ebenso weht wie über der weiten Fläche.

Um zum „Double Negative“ zu kommen, der einzigen Earthart-Skulptur, die in Museumsbesitz ist, fahren wir von Las Vegas aus in Richtung Norden. Wir haben die vom Museum of Contemporary Art in Los Angeles herausgegebene Reiseanleitung vor uns im Jeep und wissen, daß wir mit zwei Stunden Fahrzeit rechnen müssen, die letzten 45 Minuten ungepflasterter Weg. Auf der Interstate 15, dann dem Highway 169 kommen wir nach Overton, einem kleinen, verlassen wirkenden Ort, fahren zum Flughafen. Eine zweisitzige Maschine steht hier in der sengenden Mittagssonne, kein Mensch nirgends. Auf der anderen Seite ein Friedhof, etwas weiter eine Müllhalde. Ein Weg führt steil hinauf auf die Mesa. Wir wollen uns, weisungsgemäß und sicherheitshalber, im Flughafen abmelden vor der Fahrt über die Mesa, aber alle Türen des kleinen Holzhauses sind verschlossen. High Noon.

Wir fahren, eine Sandwolke hinter uns lassend, den steilen, gewundenen Feldweg hoch auf die Mesa und fühlen uns etwas beklommen auf unserer heißen, einsamen Fahrt zur Kunst. Zumal sich die Wegbeschreibung eher wie das Begleitblatt zu einer Schnitzeljagd liest: “Wenn Sie oben auf der Mesa angekommen sind, notieren sie den Kilometerstand und fahren geradeaus weiter... Nach 4 Kilometern schauen Sie nach links und biegen beim Kilometerstand 4,2 ab in einen kleinen Weg, der schlecht zu erkennen ist. Notieren Sie wieder den Kilometerstand. Der Weg führt nach Norden, parallel zum Osthang der Mesa, auf dem sich ‚Double Negative‘ befindet und der über dem Tal des Virgin-Flusses liegt. Fahren Sie vorsichtig weiter. Der Weg ist voller Geröll und schwer zu erkennen. Fahren Sie an den ersten beiden Einbuchtungen der Mesa vorbei und rechts an einer kleinen Markierung des U.S. Department of the Interior (drei hölzerne Stöcke). ‚Double Negative‘ liegt an der dritten Einbuchtung. Nach weiteren 2 Kilometern kommen Sie an eine Weggabelung, die an die beiden Einschnitte von ‚Double Negative‘ führt.“

So oder ungefähr doch so. Und dann steht man, nach dieser rumpelnden Fahrt über Stock und Stein und durch die graugrüne Wüstenflora des Niemandslandes, am Rand der Mesa und sieht den gewaltigen, präzisen Abgrund der südlichen Ausschachtung des „Double Negative“ unter sich liegen. Genau auf der gegenüberliegenden Seite liegt die zweite Ausschachtung, ungefähr 500 Meter lang ist die Strecke vom Anfang des einen bis zum Ende des anderen Einschnitts. Man rutscht über Geröll und Sand herunter in den Schacht, steht, sechzehn Meter tief, in einem Graben, der ungefähr zehn Meter breit ist. Die hohen Wände, geschichtet aus Felsstücken und Kies und schillernd in vielen Farben zwischen schwarz, blau und rosa, schaffen einen kühlen, sicheren, einschüchternden Raum. Natur von Menschenhand. Man könnte eigentlich durch die Ausschachtung hindurchgehen und an der gegenüberliegenden Seite wieder auf die Mesa hinaufklettern, aber irgend etwas hindert einen, die mit Geröll aufgefüllte Mitte zu überschreiten. Also klettert man den Weg zurück, den man gekommen ist, geht dann um die Einbuchtung der Mesa herum und rutscht herunter in den nördlichen Schacht. Man steht in der Stille und fühlt die Leere. Aber es ist ein anderes Gefühl als oben auf der Mesa, wo die Leere die Weite ist. In den katakombenartigen Räumen von „Double Negative“ ist die Leere die Abwesenheit der Masse, die hier vorher war. Die Skulptur ist nicht, wie üblich, durch die Anhäufung und Gestaltung von Material entstanden, sondern durch die Entfernung einer vorhandenen Masse und die Gestaltung des leeren Raumes. Die Skulptur ist, wie es der Titel sagt, das Negative, was nicht da ist. Daß dieser Raum nicht irgendein Ort der Natur ist, sondern ein Eingriff in die Natur, wird spätestens beim Anblick der doppelten Geometrie der Formen deutlich. 240 000 Tonnen Sandstein wurden mit zwei Tonnen Dynamit weggesprengt und beiseite geräumt, um den leeren Raum, um das „Double Negative“ zu schaffen.

„Der Mensch“, schrieb Heizer 1969 in Artforum, „wird nie etwas erschaffen können, das wirklich groß ist in Relation zur Welt – nur in Relation zu sich selber und der eigenen Größe. Die gewaltigsten Dinge, die der Mensch berührt hat, sind die Erde und der Mond.“ „Double Negative“ ist eine sichtbare Berührung der Erde. Diese Skulptur ist „die Höhe oder – in diesem Fall das angemessenere Wort – die Tiefe, auf die alle Erdkunst zielt“ (sagt Jan van der Marek, Museumsdirektor in Detroit der früh die Arbeiten von Heizer und Robert Smithson ausstellte).

Michael Heizer, 1944 in Berkeley, Kalifornien, geboren, stammt aus einer erdorientierten Familie. Sein Großvater väterlicherseits war Direktor des größten Silberbergwerks in Nevada. Sein Großvater mütterlicherseits war Generaldirektor sämtlicher Bergwerke in Kalifornien. Sein Vater Robert Heizer war ein bedeutender Archäologe und Geologe, der den Sohn schon früh auf Ausgrabungstouren nach Ägypten und Yucatán mitnahm.