Von Klaus Günzel

Wenn die Sänfte, getragen von zwei Lakaien, hinein in die Wiener Seilergasse schwankte, hielt der vornehme Insasse die dunkel getönten Gläser seiner Lorgnette vor die Augen. Sie sollten zum Gewühl der Fußgänger und Fiaker etwas Distanz schaffen, der auch die Benutzung der schon ein wenig altmodischen Sänfte diente. Der Herr verbarg seinen scheuen Blick hinter den umschatteten Brillengläsern, da ihn die Volksmenge wie so oft irritierte, ja ängstlich stimmte. Sein leicht geschminkter Mund zeigte den Anflug eines prätentiösen, eher abwehrenden Lächelns. Die rötliche Perücke auf dem Kopf war zu kunstvoll gedrehten Locken frisiert.

Wenn die Träger das antiquierte Transportgerät schließlich niedersetzten und ihm der Passagier mit schleichendem Schritt entstieg, wußten sogar die Krämerinnen und Maronibrater in der Nachbarschaft, daß hier der Sekretär und Chefprotokollant des Wiener Kongresses von einer Besprechung in der Staatskanzlei nach Hause zurückkehrte: der Hofrat Friedrich von Gentz.

Über eine enge Stiege erreichte er seine kleine Wohnung, die schon in der Zeit des Wiener Kongresses so opulent eingerichtet war, wie sie zehn Jahre später der Dichter Franz Grillparzer mit sehr gemischten Gefühlen kennenlernte: "Der Fußboden des Wartsalons war mit gefütterten Teppichen belegt, so daß man bei jedem Schritte wie in einem Sumpf versank und eine Art Seekrankheit bekam. Auf allen Tischen und Kommoden standen Glasglocken mit eingemachten Früchten, zum augenblicklichen Naschen für den sybaritischen Hausherrn, im Schlafzimmer lag er endlich selbst auf einem schneeweißen Bette im grauseidenen Schlafrocke. Ringsherum Inventionen und Bequemlichkeiten. Da waren bewegliche Arme, die Tinte und Feder beim Bedarf näher brachten, ein Schreibpult, das sich von selbst hin und her schob; ich glaube, daß selbst der Nachttopf, allenfalls durch den Druck einer Feder, sich zum Gebrauch darreichte."

Inmitten dieser schwülen und von starken Parfüms durchströmten Pracht empfing Herr von Gentz an den Kongreßabenden seine Gäste: die Fürsten Metternich und Talleyrand, Prinzen und Primadonnen, Diplomaten und Literaten, nicht zu vergessen die englischen Delegierten, mit denen er auf besonders vertrautem Fuße stand. Seine Beredsamkeit, sein Esprit, aber auch die Künste seines Kochs waren berühmt. In die Konversation wußte der mondäne Wirt manche geistvolle Sentenz einzuflechten. Dem reichlich aufgetragenen Menü, namentlich dem Konfekt, sprach er mit unbezähmbarem Appetit selber am meisten zu. Dann aber konnte es plötzlich geschehen, daß seine Gedanken abschweiften und er den Gästen die Unterhaltung überließ, als deren Meister er doch sonst galt.

Gingen, während er träumerisch Gefrorenes löffelte, seine Gedanken zurück in das graue Breslauer Bürgerhaus, in dem er vor einem halben Jahrhundert zur Welt gekommen war? Kam es ihm gerade in einer solchen Stunde, in der die Staatenlenker Europas an seiner Tafel saßen, seltsam und wunderlich vor, wie er in diese erlauchte Sozietät, zu Luxus, Geltung und Macht gelangt war? Nachdem sich die Gäste verabschiedet hatten, vertraute Gentz seine merkwürdige Zerstreutheit dem Tagebuch an: "Unterdessen ging mir, unabweisbarer denn je, die Nichtigkeit der menschlichen Dinge auf, die Schwächen der Individuen, welche das Schicksal der Welt in Händen hielten, auch meine eigene Überlegenheit, aber all das halb ohne Bewußtsein und wie in einen Nebel getaucht, den das leere Gewäsch der Herren um mein Gehirn legte."

Die Tagebuchnotiz signalisiert den seltenen Augenblick der Selbstbesinnung eines Mannes, der während des Wiener Kongresses den Höhepunkt seiner Laufbahn erlebte. Die Abgesandten der Großmächte hatten ihn zum Schriftführer ihrer Verhandlungen ernannt. Er, der wie kein anderer politischer Publizist seiner Zeit sich die Sprache der Dichter von Weimar angeeignet hatte, vermochte die Erlasse der Staatsmänner brillant zu stilisieren und ihnen einen Hauch von Klassizität zu verleihen. Wenn den Hauptakteuren auf der Bühne des Kongresses das rechte Wort fehlte, um ihre Gedanken zu formulieren oder zu verbergen, saß der unentbehrliche Hofrat im Souffleurkasten, von wo er ihnen eben dieses Wort zurief – Chefsekretär, Vorsager und Einhelfer zugleich.