Die jungen Denker wollen es Weltmeister Gari Kasparow zeigen

Von Heinz Wirthensohn

Am Donnerstag dieser Woche setzen sich zehn der 25 weitbesten Schachspieler in Dortmund an die Bretter, um bis zum 26. April für rund 250 000 Mark an Antritts- und Siegprämien die Figuren zu ziehen. Ein Turnier wie dieses hat es in Deutschland noch nie gegeben. Weltweit waren nur zwei Turniere je besser besetzt: im holländischen Tilburg und im italienischen Reggio Emilia, beide im vergangenen Jahr. Dortmund vereint das jüngste Elitefeld aller Zeiten.

Weltmeister Gari Kasparow führt die Supergruppe an – ob er sie gewinnen kann, ist die Frage. Seine ärgsten Konkurrenten, vom Dauerherausforderer Anatoli Karpow einmal abgesehen, sind unter den Teilnehmern: der 23jährige Ukrainer Wassili Iwantschuk, Dritter der Weltrangliste, gilt als möglicher Nachfolger Kasparows; seine Elo-Zahl, Meßgröße der Spielstärke, lag einmal schon über der des Vizeweltmeisters. Der 23jährige indische Wirbelwind Viswanathan Anand, Fünfter der Weltrangliste, der Kasparow zumindest an Schnelligkeit übertrifft und das Turnier von Reggio Emilia vor ihm gewann. Das 18jährige Schachwunder Gata Kamski – der Amerikaner rückte als 15jähriger unter die zehn besten Spieler der Welt und liegt jetzt auf Platz 7. Der 20jährige Lette Alexei Schirow, den vor einem Jahr noch keiner kannte und der inzwischen Spitzenspieler nach Belieben schlägt. Der 27jährige Russe Waleri Salow aus St. Petersburg, einer der beständigsten Spieler überhaupt, Platz neun. Der Weltranglistenelfte Ewgenij Barejew, der 1990 Meister der Sowjetunion wurde. Der 21jährige Michael Adams, Stolz der aufstrebenden Schachmacht England (Platz 18). Der beste deutsche Schachspieler Robert Hübner, mit 43 Jahren der Senior im Feld (Platz 24). Und schließlich der 23jährige Jeroen Piket, die große Hoffnung des niederländischen Schachs (Platz 25).

Lesen im Joghurt

Die spektakuläre Veranstaltung in Dortmund wird von einem offenen Turnier begleitet, zu dem sich über 500 Teilnehmer angemeldet haben. Sie kommen aus zwanzig Nationen, unter ihnen sind dreißig weitere Großmeister und siebzig internationale Meister. Der Bundesliga-Club Schachfreunde Brackel und die Stadt Dortmund hoffen, dem deutschen Schachsport mit diesem Turnier einen entscheidenden Impuls zu geben. Zwar ist das Interesse am Zweikampf auf 64 Feldern in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen, doch hat es noch keinen Durchbruch gegeben wie in England oder in den Niederlanden, wo Schach zum Fieber geworden ist.

Der deutschen Öffentlichkeit gilt Schach weithin als exotische Angelegenheit einigermaßen Verrückter: Weltmeister und Herausforderer bekriegen sich in fernen Ländern, bringen Hypnotiseure mit in den Spielsaal, lesen im Joghurt des Gegners versteckte Zeichen und kassieren am Ende Unsummen (1993 in Los Angeles sollen es vier Millionen Dollar sein). Diese Ansicht wird der internationalen Schachszene, die sich über Jahrhunderte langsam und in den vergangenen Jahrzehnten stürmisch entwickelt hat, längst nicht mehr gerecht.