Von Theo Sommer

ZEIT: Am Freitag voriger Woche hat die Gauck-Behörde dem Potsdamer Untersuchungsausschuß ihr Gutachten übergeben, in der Sie als "IM Sekretär" identifiziert werden. Jetzt gibt es drei Möglichkeiten: Entweder die Gauck-Behörde hat sich eine unzulässige Aufbauschung von Fakten geleistet; oder Manfred Stolpe hat die ganze Zeit gelogen; oder die Fakten stimmen, lassen sich aber ganz verschieden auslegen.

Stolpe: Ich denke, daß die Wahrheit verhältnismäßig nahe bei Variante drei liegt.

Die Gauck-Behörde ist ja von ihrer Auftragslage her gehalten, das Stasi-Aktenmaterial zu verwalten und zu sichern und daraus Beurteilungen zu geben. Hier ist sie an einen Grenzfall gestoßen, bei dem die reine Ermessensbeurteilung aufgrund der Aktenlage und nach den Maßstäben des Staatssicherheitsdienstes an der Wahrheit vorbeigeht. Die Wirklichkeit ist eben doch deutlich anders gewesen, als sie aus Vermerken des Staatssicherheitsdienstes, aus Richtlinien und Arbeitsaufträgen und Kampfplänen des Staatssicherheitsdienstes hervorgeht.

ZEIT: Bezweifeln Sie den Wert der in dem Gutachten wiedergegebenen Schriftstücke?

Stolpe: Damit will ich nicht prinzipiell den Wahrheitsgehalt dieser Papiere in Frage stellen. Man kann nur nicht oft genug daran erinnern, daß hier zweierlei zusammenkommt: einmal die Lebenserfahrung, daß Aufgeschriebenes und Tatsächliches immer ein Stück voneinander abweichen, und zum zweiten, daß alles, was hier aufgeschrieben wurde, mit ganz bestimmten Zielvorstellungen aufgeschrieben worden ist. Zielvorstellung Nummer eins war natürlich der Nachweis, daß der Sozialismus siegt und gesichert werden kann und die da oben sich keine Sorgen zu machen brauchen. Dies muß man immer bedenken. Man darf auf eine kritische Einschätzung des Geschriebenen nicht verzichten. Nun kommt aber hinzu, daß vieles gar nicht schriftlich erfaßt wurde und vieles falsch erfaßt wurde. Bei Wertungsvorgängen kann man da schwerwiegende Fehler machen, wenn man sie allein auf die Papiere stützt.

ZEIT: Kennen Sie diese Papiere? Waren die in der Akte, die Sie Ende Januar eingesehen haben?