Von Rudolf Walter Leonhardt

Für jemanden, der viel in englischen und amerikanischen Zeitschriften gelesen hat, ist diese Rückkehr der Doris Lessing aus dem Weltraum, vom Canopus im Sternbild des Argos in unsere Welt, nicht überraschend. Die meisten der im Londoner Alltag angesiedelten Erzählungen wurden während der letzten drei Jahre in Publikationen wie Partisan Review oder The Observer Magazine gedruckt. Keine Spur von Science-fiction. Aber was so vereinzelt als Stilübung oder Brotarbeit erschienen sein mochte, wird nun, derart zusammengestellt, zu einem Kompendium menschlichen Lebens und Liebens unter den alten Sternen, auf englischem Boden.

Von den neunzehn Geschichten, wie sie eher verlegenheitshalber genannt seien, umfaßt die kürzeste fünf, die längste achtunddreißig Seiten. Die letzte, elf Seiten lang, hat dem Band seinen Titel gegeben: "Der Preis der Wahrheit". Es ist nicht die beste Geschichte, aber der Titel trifft.

Cäsar, ein Mogul der Werbebranche, schmeichelt sich selber, indem er seine Sekretärin und spätere Assistentin, die ihn eigentlich groß gemacht und die er dafür miserabel bezahlt hat, auch als seine Geliebte vorführt. Sie war es nie. Aber das glaubt niemand: weder ihr eigener Ehemann noch ihre Tochter Sonia, weder Cäsars Frau Marie noch deren Sohn Robert.

Der nun fängt im Alter von vierzehn damit an, die scheinbare Geliebte seines Vaters zu umwerben. Sie findet das teils amüsant, teils anstrengend. Endlich wird ihr klar: Robert hat an ihr nur "geübt". Er will nicht nur die Nachfolge seines Vaters antreten, sondern sich auch der Geliebten seines Vaters bemächtigen; das freilich erst ein paar Jahre später, als deren Tochter Sonia, die ihrer Mutter sehr ähnlich sieht, ins heiratsreife Alter gekommen ist. "Es war eine wirklich gemütliche Trauung .. Das Ganze ist ein Telephon-Monolog. Weder die Anruferin ("die Geliebte") noch die Angerufene werden mit Namen genannt. Alles ganz lakonisch, ohne Kommentare.

Vieles, Rühmendes vor allem, ließe sich zu den anderen Geschichten sagen. Wir wollen uns statt dessen auf die längste und beste konzentrieren. Salopp könnte man sie "Beziehungskisten" überschreiben. Im Buch trägt sie den Titel "Worum es wirklich geht".

Zwei Paare, die heiraten wollen, treffen sich zu einem englischen Wochenende in Henrys etwas schäbigem, aber geräumigem und gemütlichem Landhaus. Alle vier waren schon einmal verheiratet und haben Kinder. Zwei von ihnen sogar miteinander.