Der Westen hat triumphiert – aber sein Erfolgsmodell liefert keine Patentlösungen für die Probleme der Zukunft

Von Peter Glotz

Dank der Gnade Gottes hat Amerika den Kalten Krieg gewonnen“, hat Präsident George Bush in seiner Botschaft zur Lage der Nation im Jahre 1992 gesagt. „Eine einstmals in zwei bewaffnete Lager geteilte Welt anerkennt jetzt eine einzige herausragende Macht, die Vereinigten Staaten von Amerika. Und sie betrachtet dies ohne Schrecken, denn die Welt vertraut in unsere Macht – und die Welt hat recht.“ Mag sein.

Aber hinter der militärischen Bilanz steckt eine andere. Die westliche Welt, in der die Vereinigten Staaten trotz drückender Schulden, verlorener Weltmarktanteile und einer da und dort schon verrottenden Infrastruktur nach wie vor die stärkste Macht sind, steckt in mehreren strukturellen Dilemmata. Ich bin nicht abgeschmackt genug, dem Kapitalismus wieder einmal die „große Krise“ zu prophezeien. Aber ich rate der Linken, ihr Instrumentarium zu überprüfen, statt es wegzuwerfen.

Wir leben nicht in einer Situation, in der der Osten sich durch Modellwechsel nach ein paar Anpassungskrisen in eine blühende kapitalistische Landschaft verwandelt. Die Lage des Südens ist seit dem mit großem Propagandaaufwand verkündeten Hilfsprogrammen der Vereinten Nationen von Anfang der achtziger Jahre nicht etwa besser geworden, sondern eher hoffnungsloser. Über die ökologische Krise debattieren wir zwar seit zwei Jahrzehnten, aber es ist uns – trotz Herausbildung einer veritablen neuen Disziplin, der Umweltökonomie – noch nicht gelungen, den Gedanken, daß verschiedene Ressourcen endlich sind, in unser ökonomisches Denken (vom Handeln zu schweigen) zu integrieren.

Auch sind wir, durch die mikroelektronische Revolution, mit völlig neuartigen Produktivkräften der Rationalisierung und Automatisierung konfrontiert worden, mit denen wir noch nicht so recht umgehen können; selbst Bankanalytiker beginnen, eine seltsame, archaische Sprache zu benutzen: „Der Kapitalismus wurde von der Kette gelassen und ist über sich selbst hergefallen“, hat einer von ihnen kürzlich in der ZEIT – er sprach über den Zustand der US-Ökonomie – gesagt.

Vor allem: Die Ökonomie hat sich radikal internationalisiert, die Politik jedoch ist mit all ihren Versuchen, aus dem Gefäß des Nationalstaats auszubrechen, bisher gescheitert; Angesichts dieser Lage wäre es absurd, wenn sich die europäische Linke von den aggressiven Siegerillusionen neoliberaler Ökonomen und den rührenden Hoffnungen osteuropäischer Politiker anstecken ließe.