Von Carl D. Goerdeler

Ehrlich und fleißig wolle er regieren, hatte Alberto Fujimori versprochen; jetzt kommt die Willkür noch hinzu. Perus Präsident hat sich mit Hilfe der Militärs zum Alleinherrscher ernannt, die Grundrechte suspendiert, die Presse geknebelt. Alle Macht kommt nun aus den Läufen der Gewehre. Und es könnte sein, daß sein Putsch auch anderswo in Lateinamerika Schule macht.

Mit dem „Japaner“ war am 28. Juli 1990 ein krasser Außenseiter in Limas Palacio del Gobierno eingezogen. Alberto Fujimori hatte sich als politischer Nobody in den Kampf um das höchste Staatsamt geworfen und doch in der Stichwahl den weltberühmten Schriftsteller Mario Vargas Llosa geschlagen. Der Dreiundfünfzigjährige hat die Ausstrahlung eines Steuerbeamten, seine Rhetorik ist dürftig, seine Stimme dünn. Auf der Nase trägt er ein Kassenmodell. Kein weltmännisches Flair umgibt ihn, nicht die Aura von Ruhm und Erfolg. Seine Gesten sind sparsam und unterkühlt; kein Schulterklopfen unter Amigos, keine Playboy-Allüren, kein Macho-Gehabe. Biederkeit und Bescheidenheit signalisiert er rundum und beeindruckte gerade deshalb die Wähler.

Fujimori kommt aus kleinen Verhältnissen. Seine Eltern waren in den dreißiger Jahren aus Japan eingewandert und hatten es in Lima mit einem Krämerladen zu bescheidenem Wohlstand gebracht. Der Sohn promovierte nach Gastsemestern in Wisconsin und Straßburg zum Agraringenieur. Von 1984 bis 1989 war er Rektor der Landwirtschaftshochschule La Molina in Lima und zugleich Präsident der peruanischen Rektorenkonferenz. Noch einen Monat vor den Wahlen mochten ihm die Meinungsforscher nur ein Prozent der Wählerstimmen zubilligen – es waren dann im ersten Wahlgang auf Anhieb dreißig.

Alberto Fujimori, der Antityp zum politischen Establishment, gegen Mario Vargas Llosa, den Aristokraten, hinter dem sich die politischen Profis versteckten: Amateure mußten her, weil die Parteien abgewirtschaftet hatten. In ihrer Hilflosigkeit setzten die Wählermassen ihre Hoffnung auf El Chinito, den „kleinen Chinesen“, der es mit Fleiß, Anstand und ohne Beziehungen zur hispanischen Aristokratie zu etwas gebracht hatte.

In Peru steht eine winzige Oberschicht von Hispanos und Mestizen einem Millionenproletariat geduckter, gedemütigter, entwurzelter Indios gegenüber; für sie wurde der Underdog zum Supermann. Fujimori übernahm eine verluderte Demokratie und einen bankrotten Staat vom „Sozialdemokraten“ Alan García – ein geradezu hoffnungsloser Fall: Die Wirtschaftsleistung war geringer als vor dreißig Jahren, während sich die Bevölkerung verdoppelt hatte. Vier Fünftel der arbeitsfähigen Bevölkerung sind unterbeschäftigt oder arbeitslos. Die Hälfte des Landes lebt seit Jahren unter Kriegsrecht. Die Terroristen des Sendero Luminoso („Leuchtender Pfad“), der Untergrundarmee des Comandante Gonzalo, der sich auch als das „Vierte Schwert des Marxismus-Leninismus“ bezeichnet, stoßen Peru ins Chaos – erst muß alles untergehen, bevor die Revolution siegen kann. 25 000 Menschen sind dem Terror bereits zum Opfer gefallen. Drogendollars korrumpieren die Gesellschaft, die Cholera rafft die Schwächsten dahin.

Alberto Fujimoris Antwort: Er verschrieb Peru eine wirtschaftliche Roßkur nach der Weltbank-Fibel und den Rezepten neoliberaler Ökonomen, die schon lange einen „kapitalistischen Schock“ gefordert hatten. Über Nacht wurden fast sämtliche Preiskontrollen aufgehoben und Subventionen gestrichen. Der freie Markt sollte seine Kräfte entfalten. Die Preise für Sprit und Gas stiegen auf das Dreißigfache; Milch, Reis, Brot, Zucker, Bohnen und Fett waren plötzlich fünfmal so teuer. Der „Fuji“-Schock sei „eine Operation mit Handsäge und ohne Anästhesie“, schimpfte der einflußreiche Senator Manuel Moreyra. Aber Fujimori behielt die Nerven. Die Inflation hatte vor seinem Amtsantritt 12 000 Prozent im Jahr betragen, im ersten Jahr seiner Regierung sank sie auf unter 150 Prozent.