Von Sabine Rückert

Richard Trask lebt in einem Ort, den es eigentlich gar nicht mehr gibt: in Salem Dorf. Als er achtzehn Jahre alt war, machte er sich auf die Suche nach der Vergangenheit, schulterte Hacke und Spaten und begann auf der grünen Wiese, ein paar hundert Meter entfernt von seinem Haus, zu graben, bis er zwei, aus klobigen Steinen gemauerte Kellerräume freigelegt hatte und Stufen, die hinabführen.

Richard Trask ist heute 44 Jahre alt und ein angesehener Historiker.

Der Auseinandersetzung mit den Ereignissen, die sich dort vor genau 300 Jahren zutrugen, hat sich Trask zeit seines Lebens gewidmet, denn sie kosteten vor acht Generationen zwei seiner Vorfahren das Leben. Sie wurden Opfer der Salemer Hexenverfolgung von 1692, einer Periode, die – einmalig in der Geschichte der USA –, nicht einmal ein einziges Jahr dauernd, neunzehn Menschen den Tod durch den Strick, ganzen Familien den Ruin und der Kolonie Neuengland einen Schrecken brachte, der den Ansässigen immer noch in den Knochen steckt. Das Unheil nahm seinen Ausgang aber vom Hause eines puritanischen Geistlichen mit Namen Reverend Samuel Parris, dessen Keller Richard Trask so behutsam freigelegt hat.

Ganz genau weiß heute keiner mehr, wann Betty Parris anfing zu schreien, aber wahrscheinlich war es um den 20. Januar 1692. Sie war neun Jahre alt und die Tochter des Geistlichen der kleinen, kaum mehr als 500 Seelen zählenden Puritanersiedlung Salem Dorf, einer bäuerlichen Niederlassung englischer Kolonialisten in Massachusetts. Niemand verstand damals, weshalb das Kind zu toben anfing, sich, aus dem Munde schäumend, zu Boden warf, der ganze Körper verkrampft von der Wucht der Anfälle. Als Betty auch noch wirres Zeug zu stammeln anfing und beim Gemurmel des Vaterunsers sich jammernd ins Kaminfeuer zu stürzen versuchte, packte die Eltern das Entsetzen. Der herbeigerufene Arzt wurde des Falles nicht Herr, und um dem Eingeständnis medizinischer Ratlosigkeit zu entrinnen, diagnostizierte er: Hier sei Hexerei im Spiele. Unter den inquisitorischen Fragen derer, die ihr Bett umstanden, lallte das Kind endlich „Tituba“, den Namen der schwarzen Sklavin der Familie Parris.

Bettys Cousine Abigail Williams begann wenige Tage später, sich in ähnlichen Symptomen zu winden, ebenso eine Reihe anderer junger Mädchen im Dorf. Sie alle hatten in der Küche der Parris stets gern Titubas Gespenstergeschichten aus Barbados gelauscht und in mit rohem Eiweiß gefüllten Gläsern einen Blick in die Zukunft geworfen. Die Dorfbewohner fürchteten sich vor den Mädchen: Sie ritten auf umgedrehten Stühlen durchs Haus, flohen kreischend vor unsichtbaren Verfolgern und legten – vor allem in den sechs bis acht Stunden dauernden Sonntagsgottesdiensten – durch lautes Schreien oder das Ausstoßen von Obszönitäten einen so tiefen Widerwillen gegen alles Klerikale an den Tag, daß sie nur von bösen Mächten heimgesucht sein konnten.

In ihrer Hysterie beschuldigten die „besessenen“ Mädchen anfangs besonders alte, von der Gemeinde ohnehin mißtrauisch beäugte Außenseiterinnen, sie in Visionen heimzusuchen und zu satanischen Diensten zu zwingen: Tituba, die schwarz war; die Bettlerin Sarah Good, die frech und häßlich war und Pfeife rauchte; die alte, kranke Sarah Osborne, die unehelich mit ihrem Mann zusammengelebt hatte und so hinfällig war, daß sie noch in der Untersuchungshaft starb. Doch bald wurden sich die Kinder ihrer Macht über die verängstigten Dörfler bewußt. Und weil auf das Gezeter „Hexe, Hexe“ hin ausnahmslos jeder, auf den die Finger zeigten, festgenommen, verhört und – wenn nicht geständig – alsbald gehenkt wurde, richteten sich ihre Aggressionen nach und nach auf jene, die als die eigentlich Schuldigen an den miserablen örtlichen Lebensbedingungen galten: die reichen und einflußreichen Bürger der benachbarten Stadt Salem, in deren Schatten Salem Dorf stand.