Die wirtschaftlichen Probleme der Eidgenossen bringen ihre Banken in Bedrängnis

Von Fredy Hämmerli

Der Sturm auf die Spar- und Leihkasse Thun (SLT), eine Regionalbank am Tor zum Berner Oberland, war für die Schweiz ein Schock: Weinende Mütter mit Kindern auf dem Arm, geballte Fäuste, wutentbranntes Geschrei, ein Herzkranker, der tot zusammenbrach – so etwas hatten die Eidgenossen seit Menschengedenken nicht mehr erlebt. Kleine Angestellte bangten um ihr Lohnkonto, Gewerbetreibende konnten die fälligen Rechnungen nicht mehr bezahlen. Nach dem 3. Oktober 1991, an dem die Tore der völlig überschuldeten SLT von der Eidgenössischen Bankenkommission (EBK) versiegelt wurden, war im schmucken Städtchen nichts mehr so wie vorher.

Der Bannstrahl der EBK traf zwar nur Thun und die SLT, doch er wirkte sich auf den gesamten Finanzplatz Schweiz aus. Die dramatischen Fernsehbilder, live aus der Thuner Altstadt, machten einer breiten Öffentlichkeit erstmals bewußt, wie verwundbar „ihre“ Banken sind, denen die Schweizer bisher blindlings vertraut hatten. Der Schock wandelte sich in Entsetzen, als bekannt wurde, daß trotz intensiver Verhandlungen keine einzige Bank bereit war, der SLT aus dem Schlamassel zu helfen. Das Verlustrisko von fünfzig bis hundert Millionen Franken schien selbst den milliardenschweren Großbanken zu groß.

„Das Ansehen des Bankenplatzes steht auf dem Spiel“, bringt es die EBK in ihrem soeben veröffentlichten Geschäftsbericht auf den Punkt und geht nicht nur mit den Verantwortlichen der SLT, sondern mit den Schweizer Bankiers ganz allgemein ins Gericht. Entgegen den Vorschriften sind einzelne Banken sogenannte Klumpenrisiken eingegangen. Gewisse Schuldner haben Kredite erhalten, die bis zu einem Drittel der Bilanzsumme und dem Vielfachen der Eigenmittel entsprachen. Die SLT ist da nur der extremste, aber kein Einzelfall. „Die Leichtfertigkeit, mit welcher dem Financier Rey und seinem Firmenkonglomerat teilweise Kredite gewährt wurden, ist mit der Sorgfalt eines seriösen Bankiers nicht vereinbar“, moniert die EBK beispielsweise. Der ehemalige Adia- und Sulzer-Großaktionär Werner K. Rey, in Deutschland vor allem wegen seiner Schiebereien mit Harpener-Paketen bekannt, steht bei den Schweizer Banken nach jüngsten Erkenntnissen mit 1,419 Milliarden Franken in der Kreide, mehr als die Hälfte davon waren Blankokredite. Betroffen sind mit Ausnahme der Schweizerischen Bankengesellschaft (SBG) fast alle größeren helvetischen Banken, nicht zuletzt auch eine Reihe von Staatsbanken.

Riskante Geschäfte

Der Bedarf für Rückstellungen und Abschreibungen hat sich bei den Schweizer Geldinstituten in den letzten Monaten vervielfacht. Millionenkredite an den britischen Großverleger Robert Maxwell, an eine schweizerisch-amerikanische Warenhauskette in den USA, an Dutzende von Immobilienspekulanten sind notleidend geworden. EBK-Schätzungen gehen davon aus, daß der Rückstellungsbedarf allein im letzten Jahr um über vier Milliarden Franken angewachsen ist. Dabei stellt sie aber klar, daß es „nicht Aufgabe der Bankenkommission“ sei, „vorzuschreiben, in welchem Umfang die Banken für bestimmte Engagements Wertberichtigungen vorzunehmen haben“. Hierfür trügen diese in erster Linie selbst die Verantwortung.