Dieses Jahrhundert ist schon früh als das Jahrhundert des Verrats beschrieben worden, von Margret Boveri in ihrem 1956 erschienenen Buch "Der Verrat im 20. Jahrhundert". Heute können wir, um den damaligen Befund zu ergänzen, hinzufügen: Es ist auch das Jahrhundert des Irrtums. Nicht, weil sich die Menschen dieser Epoche häufiger geirrt hätten als in anderer Zeit. Sie haben sich gründlicher geirrt und mit schrecklicheren Folgen als je zuvor.

Die großen totalitären Ideologien, Nationalsozialismus und Kommunismus, waren ein Irrtum, der Millionen das Leben gekostet hat. Das zuzugeben scheint im Falle des Kommunismus nicht leicht. Wer es tut, gibt sich als Verräter zu erkennen, zumindest aber als ein Opportunist, der sich mit der gewendeten Zeit gewendet hat. Ihm tritt die Frage in den Weg, weshalb er jetzt erst, nach dem Zusammenbruch des Realsozialismus, seinem Glauben abschwor und nicht schon früher, als das noch nicht so preiswert war. Die Frage ist ein Vorwurf. Er traf alle Renegaten. Sie mußten erfahren, daß der Renegat immer zu spät kommt.

Die wirkliche Frage lautet, weshalb es so schwer ist, ideologische Irrtümer einzugestehen. Aus Technik und Naturwissenschaft kennen wir die vorwärtstreibende Energie der Falsifikation. Der Irrtum und seine Revision sind hier ein Mittel der Erkenntnis. Bei Ideologien funktioniert das nicht. Weltanschauung, wie das seltsame deutsche Wort dafür lautet, behauptet Wahrheit, und Wahrheiten sind der Revision selten zugänglich. Deshalb sollte man bei gesellschaftlichen Prozessen (wie bei naturwissenschaftlichen) nicht von Wahrheit sprechen, sondern von Richtigkeit und vom richtigen Verhalten in einer gegebenen Situation. Da sich die Zeiten bekanntlich ändern, muß das, was gestern richtig gewesen ist, nicht auch heute noch richtig sein.

Die banale Weisheit wird kritisch, wenn sie auf festgefügte Überzeugungen trifft. Brechts Theaterstücke in den fünfziger Jahren in Frankfurt aufzuführen (wie Harry Buckwitz es tat) war mutig und notwendig. Heute dieselben Theaterstücke als infantil zu verwerfen (wie es Jürgen Manthey kürzlich in der ZEIT tat) ist zwar nicht mutig, aber ebenfalls notwendig. Auch literarische Urteile sind zeitgebunden. Im übrigen ist die Mutigkeit eines Satzes kein Beweis für seine Richtigkeit.

Der Einwand vieler empörter Leser gegen solche und ähnliche Revisionen in der ZEIT, man hätte derlei früher sagen müssen, geht fehl: Einen Irrtum zuzugeben ist dann nicht zu spät, wenn nicht an seine Stelle eine neue Wahrheit gesetzt wird. Da Irren menschlich und also endlich ist, bedeutet das Eingeständnis eines Irrtums lediglich, sich situationsangemessen zu verhalten. Deswegen haben die notorischen Antikommunisten keinen Grund zur Schadenfreude, daß jetzt, was sie schon immer gesagt hätten, auch manche Gegner von einst sagten. Ihr Vorwurf, man hätte früher abschwören sollen, bedient denselben Mechanismus wie der Vorwurf des Verrats.

Allerdings gibt es für Irrtümer eine Plausibilitätsdauer. Was zum Beispiel bei den Moskauer Prozessen geschah oder was die Niederschlagung des ungarischen Aufstands bedeutete, hätte man seinerzeit wissen können, und viele haben es gewußt und gesagt. Andere haben es nicht wissen wollen, wieder andere haben es gewußt und nichts gesagt, weil sie an das Projekt noch immer glaubten. Gute Gründe dafür gab es, nicht zuletzt den lange Zeit notwendigen, aber immer auch mißbrauchten Antifaschismus.

Gute Gründe, an den Sozialismus zu glauben, gibt es keine mehr. Die Falsifikation hat stattgefunden. Diesen Irrtum aufzugeben heißt keineswegs, wie Stefan Heym in einem ZEIT-Gespräch gesagt hat, "das eigene Leben wegzuwerfen". Über ein ganzes Leben zu befinden steht niemandem zu, nicht einmal seinem Eigentümer. Der Satz verrät den Wunsch, die Wahrheit, die man geglaubt hat, möge bitte nicht falsch gewesen sein. Wäre es die Wahrheit, so würde sie es erlauben, das gestern Richtige als das heute Falsche zu erkennen. Ulrich Greiner