Das neue Stück von Reinhild Hoffmann für das Bochumer Tanztheater hat eine Strenge und formale Geschlossenheit, die es zum Rätsel machen. Ein Mysterienspiel für sieben Frauen, vier Männer, eine Schauspielerin, einen Schauspieler – mit allen Gefahren, die vermeintlich so einfache Themen wie Leben und Tod, Schuld und Sühne für eine Choreographin bereithalten.

Das Stück heißt nach seinem Spielort, einem kahlen, quadratischen Raum der einstigen Zeche Prinzregent: "Zeche eins". Johannes Schütz läßt die hohe Halle fast unverändert. Die Rückwand ist weiß gekachelt. Darüber läuft eine Galerie, auf der die Tänzer erst von den Hüften an zu sehen sind. Gegenüber erhebt sich breit die Tribüne für rund hundert Zuschauer: vier hohe, schwarze Holzstufen für je fünfundzwanzig Gäste. Die roten Backsteinwände rechts und links, mit Resten von schwarzem Verputz, haben drei breite Durchlässe (rechts noch eine schmale, hohe Pforte) und eingelassen in die Mauerfront je ein Handwaschbecken. Wir sind in der einstigen Waschkaue über dem Schacht, in der sich die Bergleute den Kohlestaub vom Leib gewaschen und wieder für den Alltag gekleidet haben.

Noch ehe diesen Ort der Reinigung, der quälende Erinnerungen an die Duschräume weckt, in denen Menschen vergast wurden – noch ehe dieser Ort der Reinwaschung ein Spieler/Tänzer betreten hat, verwandelt sich der schlicht-banale Zweckraum einer Anstalt zur Kohleförderung in einen magischen, kultischen Tempel der Lebens-, der Todes-Feier. Nur deshalb, weil das Plakat, das als Programmheft dient, keine Spiel-Figuren, sondern bloß die Namen der Darsteller nennt und statt dessen, in Englisch und Deutsch, hymnische Verse des amerikanischen Dichters Robinson Jeffers (1887-1962) aus dem Werk "Anfang und Ende" druckt?

Während das Licht verlöscht, eine fast unhörbare Musik erklingt, ein "stehender", irritierender Ton (Musik: Elena Chernin), können wir noch (in Eva Hesses Übersetzung) die Frage von Jeffers lesen: "Was aber ist es, das wir Leben nennen?" und die Antwort: "Und wie die Zellen in jedem Menschenleib ein Lebewesen abgeben, / Bilden die Dinge miteinander ein Lebewesen, ein Bewußtsein, ein Leben, einen Gott."

Hat nicht Botho Strauß 1989 sein schmales Buch "Fragmente der Undeutlichkeit" der Erinnerung an diesen Dichter und Wieder-Erwecker der antiken Tragödie gewidmet? Strauß läßt die Frau des Dichters mit diesen Worten von Jeffers reden: "Er schritt seine Verse aus, bevor er sie niederschrieb... Lange Verse, lange Gedichte. Voller Gewalt und Wahnsinn. Voller Inzest, Vergewaltigungen, Feuerstürme und schwarzen klaffenden Wunden. Voller Blut und Geister Verstorbener... Er, der letzte, der den alten Schritt noch konnte, den uralten Opferreigen."

Der hebt nun an, ungewöhnlich bei Reinhild Hoffmann: der uralte Opferreigen, der alte Schritt, das Spiel voller Gewalt und Blut – wie in der "Orestie"-Variation "Die Quelle" von Robinson Jeffers. Ein Mann in grauem Anzug kommt auf die Bühne, ein langes schwarzes Stahlrohr in der Hand. Er legt sich auf den Boden, windet sich wie in Qualen, schuppt sich dabei die Jacke vom Leib.

Am anderen Ende der Bühne kniet eine Frau, auch im grauen Anzug. In hohler Hand hat sie vorsichtig etwas Kostbares hereingetragen, das sie nun über die andere Hand gießt. Rot tropft es zu Boden. Die Frau – die Mörderin? – wäscht ihre Hände in Blut. Oder will sie sich vom Blut reinigen?