Weit über 100 000 Menschen wurden vom SED-Regime verfolgt

Von Joachim Nawrocki

Berlin, im April

Längst wird diese Soße gerührt: In der DDR waren alle Täter und Opfer gleichermaßen! Aus dem Qualm der Schuld soll der Nebel des Vergessens werden." Das sagte der Schriftsteller Erich Loest, der wegen angeblicher konterrevolutionärer Gruppenbildung sieben Jahre in Bautzen inhaftiert war und dessen Urteil noch von der gewendeten DDR aufgehoben wurde, unlängst auf einem Forum über "40 Jahre SED-Unrecht". Die Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley, die ohne Urteil in Stasi-Haft war und bis heute nicht weiß, auf welche Weise sie aus dem Gefängnis direkt in eine kirchliche Einrichtung in Bielefeld kam, drückt es noch einfacher aus: "Die Täter waren Täter", und nur ihnen nutze jenes scheinheilige Argument, daß alle Täter und Opfer zugleich sind.

In der Finsternis des DDR-Systems waren eben nicht alle Katzen grau. Bärbel Bohleys Satz läßt sich also ergänzen: Die Opfer waren Opfer. Es sind weit über hunderttausend Menschen, die ermordet oder eingesperrt, mißhandelt oder psychisch gequält, verfolgt und "zersetzt", ausgegrenzt und um einen Teil ihres Lebens betrogen wurden. Und wer, wenn nicht sie, hat das Recht, Aufklärung zu verlangen, die Verfolger namhaft zu machen, sich über die abgebrühte Talk-Show-Cleverneß der Stasi-Bonzen und Politbürokraten zu erregen? Und wer, wenn nicht sie, hat das Recht, für erlittene Haft und unterbrochene Lebensläufe eine Entschädigung zu erwarten, die der für die Opfer westdeutscher Justizirrtümer zumindest nicht nachsteht? Doch der Bundesregierung sind für all diese Opfer zwei Milliarden Mark, verteilt über einen langen Zeitraum, anscheinend schon zuviel.

Dabei waren die Haftbedingungen in der früheren DDR, verglichen mit denen in der Bundesrepublik, geradezu mittelalterlich. Im Trakt für Langzeithäftlinge in Berlin-Tegel beispielsweise hat jeder Häftling eine Einzelzelle, individuell eingerichtet, es gibt Aquarien und Vogelvolieren, eigene Bücher, Radio, Schreibmaschine. Selbst diese Vorteile können die psychischen Folgen jahrelangen Eingesperrtseins kaum mildern. In den DDR-Haftanstalten hingegen gab es kein persönliches Eigentum, nur jeden zweiten Monat Besuch, ansonsten totale Isolierung. "Unser Haustier war eine Fliege", berichtet eine Frau, die wegen eines Fluchtversuchs jahrelang in Hoheneck mit Mörderinnen, Betrügerinnen und Prostituierten in einer Zwölf-Personen-Zelle saß. "Aus Schuhcreme haben wir uns Wimperntusche gemacht, um einen Rest unserer weiblichen Würde zu bewahren."

Wenn der Regierungsentwurf für das "Erste Gesetz zur Bereinigung von SED-Unrecht" – kurz: "Erstes SED-Unrechtsbereinigungsgesetz", noch kürzer: "1. SED-UnBerG" – unverändert den Bundestag passiert, wird diese Frau für drei Jahre Haft und das Ende ihrer wissenschaftlichen Karriere mit 10 800 Mark entschädigt werden – abzüglich 8000 Mark schon gezahlter Leistungen nach dem Häftlingshilfegesetz. "Meine Kollegen an der Humboldt-Universität haben durch ein dickes Gutachten, in dem mir zu Unrecht Geheimnisverrat unterstellt wurde, dafür gesorgt, daß die Strafe so lang war und voll abgesessen werden mußte. Heute schreiben sie Gutachten für die Bundesregierung. Aber ich kann mich dagegen nicht mehr auflehnen", sagt sie, "denn es ist auch nach so vielen Jahren noch furchtbar, sich damit zu befassen." Opfer und Täter – alle in einen Topf? Ihr Antrag auf Rehabilitierung liegt seit einem Jahr beim Landgericht Berlin.