Noch viel zu lernen haben wir alle in Deutschland, bis ein Sachse sich mit einem Westfalen ebenso versteht – sei es gut, sei es schlecht, aber eben nicht mißversteht! – wie wenigstens ein Bayer mit einem Niedersachsen. Vierzig Jahre sind eine lange Zeit, auch eine Zeit der Desinformation, der gewollten wie der unbeabsichtigten.

Ein kurioserweise im Suhrkamp Verlag veröffentlichtes Buch des ostdeutschen Autors Friedrich Dieckmann (nicht zu verwechseln mit Christoph Dieckmann) ist voll von Belegen dafür.

Guten Glaubens – und das ist ein Schlüsselerlebnis des Lesers – gibt Friedrich Dieckmann seinem scheinbar gerechten Zorn darüber Ausdruck, wie herabwürdigend im Westen Autoren von Verlagen behandelt werden. Jemand, der zwanzig Bücher und mindestens zweitausend Artikel veröffentlicht hat, könnte da gut ein wenig Schützenhilfe leisten, wenn nur Dieckmann nicht mit hanebüchener Unschuld immer die falschen Ziele anvisierte.

Da ist es noch harmlos, wenn er als antikapitalistischen, also beispielhaften DDR-Brauch schildert: „Die erste Teilzahlung [für ein Buch] wird bei Vertragsabschluß und die zweite Teilzahlung wird bei Abnahme des Manuskripts fällig.“ Nicht anders wird es von den meisten West-Verlagen gehandhabt (wenn auch nicht bei unverlangt eingesandten Manuskripten unbekannter Autoren).

Dann jedoch kommt der völlig danebentreffende Hammer. „... Es ist am Platz, die westliche Welt über einen real existierenden Literaturvorteil dieses deutschen Staates ins Bild zu setzen: Das ist die Stellung, die dessen Urheberrecht dem intelligiblen gegenüber dem materialen Produzenten von Literatur einräumt.“ Zur Verdeutlichung ein zweites Zitat. „Gleichwohl: Wenn nach Werten gefragt wird, die in der DDR ausgebildet und womöglich in das Zukunfts-Deutschland einzubringen seien, kommen jene Teile des Urheberrechts der DDR in Betracht, die die Stellung des Autors gegenüber Publikumsinstitutionen sowohl materiell als textuell, auktoriell stärken.“

Aus beiden Zitaten wie aus dem Zusammenhang geht hervor, daß Dieckmann in ungerechtfertigter Überheblichkeit Lektoren und Redakteure für „materiale Produzenten“ und „Publikumsinstitutionen“ hält. Sie sind jedoch in den meisten Fällen gebildete, kluge, kreative, intelligente (freilich nicht „intelligible“) Literaten, von denen wir eher zu wenige haben. Viele sind selber Autoren. Und wenn bei uns besser lektoriert würde, wäre keiner der beiden zitierten Dieckmann-Sätze so stehengeblieben und viele andere auch nicht.

Es wäre also zum Beispiel nicht stehengeblieben: „Faust, der noch schlief, als die Elfen schon unterm Ansturm der Hören erzitterten, erwacht in Terzinen; die Trochäen des Wiegenlieds wenden sich in den Jambus einer Weltzuwendung, die betrachtsames Sich-Recken ist“ (S. 12). „Wie manchen guten hat das Jahrhundert, das sich zu seinem Ende neigt, auch die bösen Träume ins Maß-, ins Grenzenlose gesetzt. Der Kannibalismus des losgelassenen Kleinbürgers und die Gigantomanie pharaonenhaft waltender Menschheitsbeglücker – sie alle haben sich mit traumhaft gesteigerter Expansionskraft Experimentierfelder des Wahns geschaffen“ (S. 24 – am 31. Januar 1992 beschwerte sich Friedrich Dieckmann im Tagesspiegel, daß nicht konkret Namen genannt werden). „... Werkeigenschaften ..., die spätestens seit Shakespeare, seit Grimmelshausen jedes literarische Œuvre kennzeichnen“ (S. 32 – Shakespeare war gestorben, ehe Grimmelshausen geboren wurde). „Ganz Ohr zu sein ist fruchtlos, wenn keiner drauf hört“ (S. 85). „Darum ist es ein ebenso plausibles wie groteskes Spektakel, wenn diese Partei [die SED] ihren so lange unangefochtenen Herrn und Gebieter, dessen Ignoranz auf dem Gebiet der Innen- und Wirtschaftspolitik beträchtliche Fähigkeiten (und Erfolge) auf dem der Außenpolitik gegenüberstanden, fallen läßt wie eine heiße Kartoffel: in den Schoß der evangelischen Kirche“ (S. 173).