Von Gabriele Venzky

Sechs Wochen vor dem Erdgipfel in Rio scheint festzustehen: Es wird weder zu einer verbindlichen Klimaschutzkonvention noch zu der geplanten Konvention zum Schutz der Tropenwälder kommen, weil der Süden seine Interessen nicht genügend berücksichtigt sieht. Er fordert darüber hinaus kostenlosen Technologietransfer sowie Entschädigung in Milliardenhöhe. Nun droht jedoch auch die dritte vorgesehene Konvention zu scheitern – jene über den Artenschutz. Diese Konvention ist so wichtig wie die beiden anderen, denn der Artenschwund auf der Erde hat dramatische Formen angenommen. Jede Minute verschwindet unwiederbringlich eine Tier- oder Pflanzenart; eine Million werden es bis zum Jahre 2000 sein.

Daß Genbanken zur Erhaltung der Artenvielfalt beitragen können, leuchtet auch der Dritten Welt ein. Problematischer wird es schon mit der Forderung, jedes Land solle ein Zehntel seiner Fläche für die Bewahrung der Artenvielfalt zur Verfügung stellen. Denn in den Entwicklungsländern ist der Druck auf das Land so stark, daß praktisch jeder Quadratmeter Boden, der sich bewirtschaften läßt, bereits in Beschlag genommen ist. Vollends unvereinbar aber sind die Standpunkte, wo es um die Fragen der Biotechnologie und des Transfers von Gentechnik geht. Der Dritten Welt ist plötzlich erschreckend klar geworden, daß ihr Schicksal von einer patentierten Maus abhängen kann.

Konsequent durchgedacht, muß der Plan des Nordens, Tier- und Pflanzenarten unter Patentschutz zu stellen, in der Tat verheerende Folgen für die Länder des Südens haben. Das würde nämlich nicht nur zu einer genetischen Verarmung führen, weil die erste Welt wenig Interesse daran hat, die für sie nicht lukrativen, da nicht zu vermarktenden Arten der Dritten Welt zu erhalten oder zu verbessern, zum Beispiel Maniok oder Hirse; zum anderen würde er die gesamte Dritte Welt von zehn oder fünfzehn multinationalen Konzernen abhängig machen, die drauf und dran sind, das internationale Agrargeschäft zu beherrschen.

Im Jahr 1980 entschied das Oberste Gericht der Vereinigten Staaten zum ersten Mal in der Welt, daß ein genetisch manipulierter Organismus patentiert werden darf. Es handelte sich damals um eine Ölschlick fressende Mikrobe, die ausgerechnet von einem indischen Wissenschaftler in den USA entwickelt worden war. Das Patent freilich gehörte nicht ihm, sondern der Firma, die ihn bezahlte: General Electric. 1988 wurde gar eine ganze Maus patentiert. Abermals gehörte das Patent nicht den Wissenschaftlern, sondern dem Chemiemulti Du Pont, der das Geld gab.

Von Patenten wird in Rio nicht geredet. Die werden derzeit in den Liberalisierungsverhandlungen des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens (Gatt) mit großem Nachdruck vor allem von den Vereinigten Staaten zur Sprache gebracht, wobei der Süden zur Akzeptierung der amerikanischen und europäischen Patentgesetze gezwungen werden soll. Doch die auf dem Erdgipfel angestrebte Artenschutzkonvention läßt sich von dem brisanten Thema der Patentierung lebender Organismen gar nicht trennen. Der Süden widersetzt sich der Artenschutzkonvention, weil seiner Meinung nach hier mit zwei Maßstäben gemessen wird: Einerseits sollen die natürlichen Ressourcen der Erde globalisiert werden, andererseits sehen man sich nicht darum, daß die Biotechnologie, von der man sich einmal so viel für die übervölkerte, unterernährte Dritte Welt erhofft hatte, von wenigen finanzstarken Konzernen des Nordens über den Umweg des Patentrechts vereinnahmt wird.

Indien hat sich zum Wortführer des Widerstands gemacht. Suman Sahai, Genetikerin mit Lehr- und Forschungstätigkeit auch in Heidelberg, ist Gründerin von Gene Campaign, einer hochkarätig besetzten Organisation, die sich zum Ziel gesetzt hat, die genetischen Ressourcen der Dritten Welt und die Lebensgrundlagen ihrer bäuerlichen Bevölkerungen zu schützen. Die Patentierung von Lebewesen, also auch Pflanzen und ihrer kommerziell verwertbaren Gene, wäre nach Meinung Suman Sahais eine Katastrophe für die Dritte Welt: Lebenswichtige Ressourcen würden fremden Monopolen ausgeliefert, Wissenschaftler