Von Sylvie Wickert

Angela Dieters hat ein paar Blumentöpfchen als Farbtupfer für die Fensterbank gekauft. Denn sie freut sich darüber, daß sich jemand aus dem Westen für dieses traurige Kapitel der deutschen Geschichte interessiert. Plötzlich seien die Erinnerungen an jene Tage im April 1945 wieder wach geworden, hatte sie in ihrem Antwortbrief geschrieben.

Angela Dieters, die heute als Lehrerin und Mutter dreier Kinder in Schönebeck südlich von Magdeburg lebt, war damals als siebenjähriges Mädchen in Altruppin in Brandenburg zu Hause. Sie habe, sagt sie, zu der fröhlichen Kinderschar in Altruppin gehört, die immer auf der Chaussee spielte. Zerlumpte Flüchtlinge aus dem Osten seien damals täglich vorbeigekommen, die Kinder hätten sich davon nicht stören lassen. „Nur an diesem Tag im April 1945, da waren wir still. Da hörten wir dieses seltsame Geräusch, das dumpfe Klopfen von Holzpantinen auf der Chaussee, das blecherne Klappern von Näpfen und Löffeln. Wir hatten Angst. Eine blaugraugestreifte Masse quälte sich vom Bahnhof her den Hügel herab, von Uniformierten mit Waffen und scharfen Hunden begleitet.“ Angela Dieters stockt. „Die Gefangenen sahen nicht wie Menschen aus. Die Augen lagen tief in den Höhlen. Die Zähne standen manchmal so schrecklich raus. Die waren so abgemagert. Ihre Augen haben uns zwar angeguckt, aber so tot. Wir Kinder waren entsetzt.“

Dabei war die Stimmung unter den Häftlingen des Konzentrationslagers Sachsenhausen eine Spur hoffnungsvoller als gewöhnlich, als in den frühen Morgenstunden jenes 21. April der Befehl gebrüllt wurde, in Kolonnen zu jeweils fünfhundert anzutreten. Die 40 000 Häftlinge, die sich gegen Kriegsende im Hauptlager von Sachsenhausen bei Oranienburg befanden – insgesamt wurden in Sachsenhausen mit seinen 74 Außenkommandos 140 000 Häftlinge registriert –, hatten in der Nacht des 20. April zum ersten Mal in der Ferne den Geschützdonner der Front gehört. Berlin lag schließlich nur einige Kilometer südlich, und je näher die sowjetischen Truppen im Südosten und die Alliierten im Nordwesten kamen, um so unruhiger wurden die SS-Bewacher.

Lagerkommandant Kaindl entschied kurzerhand, das Konzentrationslager zu evakuieren. Auf vier Marschrouten sollten die 40 000 KZ-Insassen in Kolonnen von je 500 Häftlingen Richtung Lübeck ans Meer getrieben werden. Durch Brandenburg und Mecklenburg schleppten sich die Kolonnen ausgemergelter Menschen von Oranienburg über Rheinsberg, Parchim und Crivitz oder Neuruppin, Wittstock und Putlitz bis nach Raben-Steinfeld bei Schwerin. 240 Kilometer weit ging es über Wald- und Feldwege und – nur wenn unvermeidlich – bewohnte Straßen entlang. Mindestens 6000 Menschen starben unterwegs, erschossen oder erschlagen von den SS-Schergen, verhungert, verdurstet oder zu Tode erschöpft. Heute erinnern auf den Routen Dutzende von Mahntafeln an die Todesmärsche und ihre Opfer. Eine solche Tafel steht auch in Altruppin an der Stelle, an der sich die Wasserpumpe der früheren Hauptstraße des Dorfes befand. Auf sie stürzten sich die Halbverdursteten, berichtet Angela Dieters, ehe sie von bissigen Hunden und Gewehrkolbenschlägen weitergetrieben wurden.

Angela Dieters kann nicht vergessen, wie einer der Häftlinge vor den Augen der Kinder erschossen wurde. „Wir sind laut schreiend nach Hause gelaufen, wo dann abends das lebende Elend in unsere Scheune wankte. Kranke Frauen und alte Männer krochen mit letzter Kraft auf das Stroh.“ Wer Platz in der Scheune fand, hatte Glück, die anderen mußten sich auf den kalten Erdboden kauern. Postenketten mit Bewachern im Abstand von zehn bis fünfzehn Metern gaben acht, daß niemand entkommen und daß niemandem geholfen werden konnte.

Trotzdem, so berichtet Angela Dieters, sei sie von ihrer Mutter in aller Vorsicht über den Hof geschickt worden, um den Häftlingen in einem versteckten Winkel der Scheune heimlich heißen Kaffee und Wasser zu bringen. Sie ist noch heute froh darüber, daß es ihr gelang.