Lieber Klaus,

vor zwei Jahren, als begann, was inzwischen als „Christa-Wolf-Debatte“ Themen für germanistische Magisterarbeiten hergibt, fühlte ich mich, obwohl mehrfach dazu aufgefordert, nicht berufen, in den öffentlichen Streit einzugreifen. Damals dachte ich, sagte ich wohl auch, wenn es um einen Mann wie de Bruyn ginge, müßte man mich nicht auffordern, dann würde ich mich freiwillig melden. Nun, unerwartet, bin ich in der Pflicht.

Günter de Bruyn hat also in einem Interview auf die Frage, ob er jemals daran gedacht hätte, die DDR zu verlassen, geantwortet: „In den letzten Jahren kam noch eine Art Verantwortungsgefühl hinzu, ich fand, daß man aus- und durchhalten müßte, die Leser in der DDR nicht im Stich lassen dürfte. Ich stellte fest, daß in dem Augenblick, in dem kritische Autoren die DDR verließen und also nicht mehr Mitleidende waren, sich das Verhältnis der Leser zu ihnen veränderte. Sie fühlten sich in gewisser Weise von den Autoren verraten.“

Und, Klaus, de Bruyn hat recht: Sie fühlten sich im Stich gelassen, sie fühlten sich verraten, nicht alle, aber viele. Wir gehörten nicht mehr zu ihnen, wir waren, und darum hat man uns auch so gern gehen lassen, für unsere Leser neutralisiert.

Das größte Mißverständnis zwischen Dir und de Bruyn, scheint mir, liegt im Gebrauch des Wortes Verrat. Während Du unterstellst, er ziele auf jenen ideologischen oder gar Landesverrat, glaube ich zu verstehen, daß er von Verrat an Liebe oder Vertrauen spricht. Er sagt auch nicht, daß er selbst es als Verrat empfand, wenn jemand sich anders entschieden hat als er selbst. Er sagt nur, daß er sich der Erwartung seiner Leser gebeugt hat, daß er sich ihnen gegenüber zum Bleiben verpflichtet gefühlt hat, und das halte ich für sein Recht, wie es Dein und mein Recht war zu gehen.

Ich bin beides, ein Bleiber und ein Geher. Der Sommer 88 ist ja, aus heutiger Sicht, ein fast lächerliches Datum für einen Wechsel von Ost nach West. Ich kenne darum aber sehr genau die Krücken und Korsettstangen, mit denen man die jeweilige Entscheidung gestützt hat, am Montag eine andere als am Mittwoch, als am Freitag, als am Sonntag, bis – wie in meinem Fall – zehn Jahre vergangen waren.

Auch zu meinen seelenorthopädischen Gerätschaften gehörten Sätze wie die von Günter de Bruyn: Man muß die Probleme annehmen, die einem zugewachsen sind; ich darf, die mich brauchen oder gar lieben, nicht verlassen, sonst werden sie sich verraten fühlen und mich schnell vergessen. Nicht, daß sie in meinen Augen recht gehabt hätten. Ich glaube auch nicht, daß de Bruyn diese Ansichten geteilt hat, und sicher wäre Dir Dein Zorn erspart geblieben, hätte er diesen Satz den übrigen hinzugefügt. Was uns beide aber unterscheidet, ist, daß ich ihn trotzdem mitgelesen habe.